REVIEW: Marissa Nadler „New Radiations“

Im Einklang mit den Geistern um sich herum: Marissa Nadler nutzt für „New Radiations“ den Glauben an Übersinnliches, um daraus Geschichten zu ersinnen.

Schon in ihrer Kindheit begegneten Marissa Nadler regelmäßig okkulte Motive im Alltag. In einer Familie, in der es kein Tabu war, über dunkle, magische Sichtweisen auf unsere Welt nachzudenken und zu sprechen, übernahm die Heranwachsende die Faszination ihrer Mutter für das Übersinnliche und Paranormale – Dinge, die sich nicht mit einfachen Ideen erklären lassen. Seit jeher ist auch Nadlers Musik von einem esoterisch-mystischen Timbre durchzogen, das auf ihrem zehnten Studioalbum „New Radiations“ mehr denn je in den Mittelpunkt gerückt wird. Die gebürtige Washingtonerin sinniert ausgiebig über Verlust, Tod, Dystopien und Illusionen. Als tonale Kulisse nutzt sie neben ihrem gehauchten, fragilen Gesang ausladende, düster anmutende Synthesizer-Sounds, die von wogendem Gitarrenpickings akzentuiert werden. Ihr Hang zum Dramatischen ist in jedem Moment der Platte spürbar. Doch wirkt er authentisch und nicht aufgesetzt, was vermutlich der Tatsache zu verdanken ist, dass Nadler „New Radiations“ komplett im Alleingang erdacht, eingespielt und nur mit der Hilfe ihres Freundes Roger Moutenot produziert hat. Teils in den Haptown Studios in Nashville, teils zu Hause in ihren eigenen vier Wänden. Den Songs ist anzumerken, wie tief Marissa Nadler dabei mit ihnen verschmolzen ist. Wie sie in ein klangliches Paralleluniversum eingesunken sein muss, das verträumt und mysteriös zugleich ist. Doch scheint sie keinesfalls die Orientierung verloren zu haben. Immerhin hat sie Jahrzehnte damit verbracht, sich nicht nur mit den von Licht beschienenen, sondern auch mit den Schattenseiten unserer Existenz auseinanderzusetzen. Immerhin hat sie Jahrzehnte damit verbracht, sich nicht nur mit den von Licht beschienenen, sondern auch mit den Schattenseiten unserer Existenz auseinanderzusetzen. Sie hat akzeptiert, dass man nicht alles „begreifen“ kann, sondern dass so manches flüchtig und über unser Vorstellungsvermögen hinausgehend bleibt. Es ist sehr intim, ihr bei ihren Überlegungen zuzuhören, und es baut Brücken in eine musikalische Vergangenheit, in der die Vertreter*innen von Folk und Americana diese Genres aufbrachen und mit Einflüssen der Ureinwohner Amerikas anreicherten – mit rhythmischen Lautgesängen, Anasazi-Flöten, Apache-Geigen, Klapperstäben und Trommeln. Wenngleich diese Instrumente nicht zu hören sind, hat „New Radiations“ doch eben jene schamanische Ausstrahlung, die man in jenem Zuge erwarten würde.


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