REVIEW: Florence + The Machine „Everybody Scream“

Florence + The Machine lehren uns das Schaudern und entsenden mit „Everybody Scream“ ein Album in den Äther, das hervorragend zur Geisterstunde passt.

Es ist kein Zufall, dass das neue Album „Everybody Scream“ von Florence + The Machine ausgerechnet heute erscheint – denn wie bei großen (Pop-)Stars üblich, ist auch bei Florence Leontine Mary Welch jeder Schachzug wohl überlegt Der 31.10. ist traditionell Halloween, ein Fest, das auf eine alte keltische Tradition zurückgeht, den Beginn der dunklen Jahreszeit markiert und davon kündet, dass eine Nacht lang die Grenzen zwischen dem Reich der Lebenden und Toten verschwimmen. Welch hat sich bereits auf ihrem Debüt „Lungs“ (2009) leidenschaftlich mystischen Themen gewidmet, was sie auch auf den nachfolgenden Alben „Ceremonials“ (2011), „How Big, How Blue, How Beautiful“ (2015), „High as Hope“ (2018) und zuletzt „Dance Fever“ (2022) getan hat – stets aus einer tiefen Faszination heraus. Dabei beleuchtete die gebürtige Londonerin besonders gern jene Aspekte, denen etwas Tabuisiertes, etwas vermeintlich Verruchtes oder Grausiges anhaftete, und erschuf lyrisch wie kompositorisch Schattenspiele, um diese zu illustrieren. „Everybody Scream“ spitzt besagtes Vorgehen zu und befasst sich textlich wie tonal mit dunkler Magie, der Rolle der Frau – auch im Kontext des Hexentums –, dem Tod, aber auch der Heilung. Die LP betont die Dialektik jener Themen und die Tatsache, dass das eine das andere nicht ausschließt. Eine Unterteilung der Welt in Gut und Böse wird ihr keinesfalls gerecht. Sie greift zu kurz. Folglich haben Florence + The Machine (Welchs Band, die sich durch wechselnde Mitglieder auszeichnet, zu der aber seit Beginn im Besonderen Isabella „Machine“ Summers gehörte) auch keine Angst, sich innerhalb der zwölf Tracks des Albums regelrecht auszutoben und auszuloten, wo sie sich eher dem Menschlichen und wo eher dem Übernatürlichen verbunden fühlen. Stilistisch greift die Formation erneut auf Alternative Rock, Dark-/Gothic-Folk und Artpop zurück und integriert Schreie, Atemgeräusche und andere Elemente, die über klassische Instrumente hinausgehen. Gleichzeitig kann man den Eindruck nicht loswerden, dass Florence Welch in die Fußstapfen von Stevie Nicks treten möchte. Der Frontfrau von Fleetwood Mac wurde immer eine Nähe zum Okkulten nachgesagt, die sie gern bediente und mit der sie spielte. Ähnliches tut auch Welch, wofür sie von Fans und Kritikern geliebt wird. Sie inszeniert sich bewusst im Kontext des gefährlich Weiblichen und lässt damit einmal mehr ihren Standpunkt bezüglich Patriarchat und toxischer Maskulinität durchscheinen. Machtvoll erhebt sie sich auf eine Art Metaebene, von der aus sie auf unsere Gesellschaft blickt. Hilfe bei der Inszenierung gab es unter anderem von Mark Bowen (IDLES), Aaron Dessner (The National) und Mitski – also absoluten Größen innerhalb der Alternative-Branche. Das hört man der Platte auch an. Die Produktion ist klanglich wie dynamisch hervorragend. Allerdings braucht „Everybody Scream“ im Vergleich zu den Vorgängeralben deutlich mehr Zeit, um sich vollends zu entfalten. Als Hörer*in muss man Geduld aufbringen, um mit Songs wie beispielsweise „Drink Deep“, „Buckle“ oder „You Can Have It All“ wirklich warm zu werden. Sie setzen weniger auf verspielte Elemente, die die Aufmerksamkeit schnell binden, sondern vielmehr auf eine Kraft, die erst bei mehrmaligem Durchläufen erlebbar wird. Andere Tracks wie das titelgebende „Everybody Scream“ oder die zuletzt veröffentlichte Single „Sympathy Magic“ sind da zugänglicher, weil ihnen mehr Tempo innewohnt und der Pathos offensichtlicher ist. Trotzdem geht die Rechnung auf: „Everybody Scream“ ist modern, zelebriert aber gleichzeitig auch die musikalische Vergangenheit. Die Platte präsentiert relevante Themen und dürfte lange nachzuhallen vermögen. Gleichzeitig beweist Florence Welch, dass sie noch viele weitere Trümpfe im akustischen Ärmel hat und es mit ihr nicht langweilig werden dürfte. Hier erleben wir sie nun in ihrer Rolle als Singer-Songwriterin in der Tradition der ganz Großen.


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