Ein musikalischer Kraftort: Mit „Future Quiet“ rät Moby zu Bedachtheit und Entschleunigung.
Ruhe ist ein menschliches Grundbedürfnis. Und so widersprüchlich es auf den ersten Blick auch wirken mag, kann sich dem natürlich auch ein gefeierter DJ und Electro-Musiker wie Richard Melville Hall nicht entziehen. Als Moby war er einer der Pioniere, die Ende des letzten Jahrtausends die Beats beschleunigten und die Lautsprecher aufdrehten. Das stellte eine echte Zäsur in der Popgeschichte dar. Wenig später wurden seine Werke dann sphärischer und bewegten sich in Richtung „Ambient“, was seinen Erfolg jedoch nicht schmälte, sondern maximierte. Bis heute füllt Moby riesige Arenen. Er setzt sich für Tierschutz, Veganismus und einen nachhaltigeren Umgang mit unseren Ressourcen ein, macht auf Missstände aufmerksam und will uns mit „Future Quiet“, seinem 23. Studioalbum, eine weitere wichtige Botschaft vermitteln: Wir sollten anfangen, den Pause-Knopf zu drücken. Gesamtgesellschaftlich. Denn als Menschen sind wir derart in Fahrt geraten – getrieben von Konsum, Technologie und Globalisierung –, dass wir nicht mehr wahrnehmen, welche Schäden wir dabei uns und der Welt um uns herum zufügen. „Future Quiet“ setzt auf reduzierte, vorrangig mit Klavier und Synthesizern realisierte Tracks. Diese sollen statt unseres Stresssystems den Konterpart aktivieren, den Parasympathikus, unseren körpereigenen Entspannungsmechanismus. Wenn wir mit uns im Einklang sind, unser Herz langsam schlägt, unsere Gedankenströme kleinere Amplituden erzeugen und unsere innere Homöostase einsetzt, also das Gleichgewicht vollkommener Zufriedenheit, dann sind wir die beste Version unserer selbst. Dann sind wir in der Lage, reflektiert auf die Dinge zu schauen und ihre tiefere Bedeutung zu erkennen. Die 14 Tracks nehmen sich für ihre Aufgabe die nötige Zeit und erstrecken sich über fast eineinhalb Stunden – eine ungewöhnliche Länge, wo doch die meisten Songs mittlerweile so konzepiert sind, dass sie zu TikTok-Snippets passen oder die oft propagierten kurzen Aufmerksamkeitsspannen der Menschen nicht überfordern. Dass der Weg aus der Krise aber nicht darin liegen kann, sich dem anzupassen, sondern vielmehr darin, einen Gegenpol zu schaffen, hat Moby absolut verstanden. Und er kann es sich leisten. Schließlich geht es für ihn nicht mehr darum, Platten zu verkaufen – das erledigen Werke wie „Play“ (1999) oder „18“ (2002) als absolute Meilensteine der elektronischen Soundkunst von ganz allein. Der New Yorker kann sich die Freiheit nehmen, genau das zu machen, was sich für ihn richtig und sinnvoll anfühlt. Das merkt man „Future Quiet“ an. Wer sich wirklich darauf einlässt, kann hier Frieden finden, während im Hintergrund mantraartige Melodien und Gesangsspuren erklingen. Zuletzt feierte „When It’s Cold I’d Like to Die“ von seinem Studioalbum „Everything Is Wrong“ (1995) in der vierten Staffel von „Stranger Things“ ein Comeback, weshalb Moby seinen Fans eine neue Version des Lieds als Opener für „Future Quiet“ zusammen mit Jacob Lusk schenkte. Sie setzt tatsächlich auch den Ton für die Platte und macht klar: Der 60-Jährige geht stilistisch zu dem zurück, was ihn in den Neunzigern aus der Menge herausstechen ließ und bis heute tut – gegen den Strom zu schwimmen und Hektik mit Gelassenheit zu begegnen.


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