REVIEW: Gorillaz „The Mountain“

Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet eben doch zum Berg aufbrechen. Damon Albarn und seine Gorillaz suchen auf „The Mountain“ nach Erleuchtung.

Betrachtet man die bisherigen acht Alben der Gorillaz, wird schnell klar, dass Albarn dieses Projekt schon immer nutzte, um sich musikalisch so auszutoben, wie es kaum jemand vor ihm getan hat. Kein Stil, keine Rhythmik und auch kein potenzieller Gast ist vor dem Londoner sicher. Das macht die Gorillaz seit nunmehr fast 30 Jahren zur buntesten Wundertüte überhaupt, bei der man nie genau weiß, welche Überraschung als Nächstes kommt. Beziehungsweise ist zumindest gewiss, dass es Spaß bringen wird. Und trotzdem gibt es auch grundlegende verbindende Elemente: die Stimme und die kreative Handschrift besagten Damon Albarns, die alles zusammenhalten. Album Nummer 9, „The Mountain“, hat wie all seine Vorgänger keinesfalls die Absicht, eine recycelte Form früherer LPs der Gorillaz darzustellen. Deshalb legt die virtuelle Band dieses Mal bewusst den Schwerpunkt auf ein transzendentes Erlebnis als zentrales Motiv. Unterstützung erhält sie dabei – wie einst die Beatles, als sie ein ähnliches Vorhaben umsetzten – aus dem Hause Shankar. Es ist jedoch nicht der legendäre Ravi Shankar, sondern seine Tochter Anoushka, die zudem auch die Schwester von Norah Jones ist. Sie webt mit ihrer Sitar den unvergleichlichen indischen Charakter in die Melodien von sechs der fünfzehn Tracks ein und setzt damit einen der markantesten Grundtöne für die Platte. Doch soll es dabei nicht bleiben. „The Mountain“ platzt nur so vor Features – mittlerweile ein echtes Markenzeichen für Veröffentlichungen der Gorillaz. Zu den prominentesten Gästen zählen Idles, Black Thought, Omar Souleyman, Johnny Marr, Yasiin Bey, Sparks und Dennis Hopper, um nur einige zu nennen. Sie sind die Würze in der akustischen Suppe, die Albarn zusammengekocht hat. Und er scheut sich auch nicht, fernöstliche Einflüsse mit aktuell vielerorts gefeierten lateinamerikanischen Einflüssen („The Manifesto“) und Genres wie Hip-Hop, Rock und Pop zu mischen. Oder er lässt gospelartigen Backgroundgesängen („Delirium“) einen Track später den Eindruck folgen, man würde durchs Weltall schweben, um dann inmitten der arabischen Welt zu landen („Damascus“). Es ist Damon Albarn erneut gelungen, vieles richtig zu machen. Konsequent bleibt er politisch und zeigt uns mehr denn je, wie gut unterschiedlichste Nationalitäten und Glaubensideen zusammenpassen und dadurch ein echter Mehrwert entsteht. „The Mountain“ erscheint zur richtigen Zeit und reicht uns die Hand für mehr Zusammenhalt, während überall Risse entstehen, Konflikte entbrennen oder sich bereits bestehende Gräben vertiefen.


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