Tinlickers „Dreams of the Machine“ erforscht den Schatten, aber auch das Licht, den das Morgen und Übermorgen vorauswerfen.
Ursprünglich startete Tinlicker im Jahr 2012 als Soloprojekt des Niederländers Micha Heyboer. Dieser fand jedoch kurze Zeit später mit Jordi van Achthoven einen musikalischen Seelenverwandten, woraufhin er sich entschied, Tinlicker zu einem Duo auszubauen. In der Folge veröffentlichten die beiden mehrere von der Kritik gelobte Alben, tourten ausgiebig von Europa bis in die Staaten, waren zu Gast auf verschiedensten Festivals und orientierten sich stilistisch an ihren gemeinsamen Vorbildern wie Moderat, Paul Kalkbrenner oder Trentemøller. 2025 folgte die Nachricht, dass aus zwei drei werden sollten, da Sängerin Hero Baldwin zum festen Teil des Projekts wurde. Zudem kündigten Tinlicker eine neue LP mit dem Titel „Dreams of the Machine“ an. Vorab hatten eine ganze Reihe von Singles – „I Want My Freedom“, „God In You“, „Reborn“ und „Release“ – Schicht um Schicht freigelegt, was das vierte Studioalbum des Trios im Kern ausmacht: Nämlich eine Fusion aus live eingespielten Instrumenten, Gesang und computergenerierten Sounds – ein Novum für die einen, ein nahezu logischer Schritt für die anderen. „Können wir eine Welt schaffen, in der Mensch und Maschine in Harmonie existieren?“, fragen Tinlicker und spendieren uns dann nicht nur ihre Antwort darauf, sondern auch ihre Vision davon, wie gut das funktionieren und vor allem wie es klingen könnte. „Dreams of the Machine“ ist ein guter Beweis dafür, dass Artifizielles nicht automatisch seelenlos sein muss. Schlussendlich basieren generative künstliche Intelligenzen auf etwas sehr Natürlichem: dem Schatz unserer kollektiven, von Menschen belebten Kreativität. Trotzdem tun sich viele von uns so schwer damit, auf Tuchfühlung mit dem zu gehen, was daraus entstehen kann. Ungeachtet der Tatsache, dass dies ohnehin jeden Tag völlig unbemerkt geschieht. Tinlicker beleuchten das Spannungsfeld, das die nahende Zukunft mit sich bringt, bleiben dabei aber kritisch. Sie wissen um die Entfremdung, die manch technische Entwicklung mit sich gebracht hat. Umso mehr sehen sie „Dreams of the Machine“ als eine Art Versöhnungsversuch. Mit heftigen Bässen, dröhnenden Synthies und der transzendenten Stimme von Baldwin soll die aufgetane Kluft zwischen organischer und digitaler Realität geschlossen werden. Es geht darum, Potenziale zu nutzen, statt sie von vornherein auszuschließen, und trotzdem reflektiert und wachsam zu sein. Wenn die energetischen 14 Tracks der Platte ertönen, kann man aber eh nicht wegdriften. Erst recht nicht, wenn im Tarck „4AM“ ein Weckesound im Hintergrund erklingt. Tinlicker öffnen uns Augen und Ohren und wecken Neugier auf das, was uns in den nächsten Jahren erwarten könnte.


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