Es ist nicht immer einfach, einen Blick zurückzuwerfen. Im Fall von Emily Haines und Jimmy Shaw, den beiden kreativen Köpfen hinter der Indierockband Metric, war es jedoch ein wichtiger Schritt, innezuhalten und die Vergangenheit zu würdigen, statt sich nur auf die Zukunft zu konzentrieren. „Romanticize The Dive“ ist das Ergebnis und für uns Anlass, mit den beiden über den bisherigen Werdegang von Metric, über Höhepunkte und Niederlagen zu sprechen.
Als Indie-Act konntet ihr euch lange eine gewisse Freiheit bewahren – welchen Preis hat euch das gekostet?
Jimmy: Das ist eine gute Frage! Jesus!
Emily: Ich würde vielleicht eher damit anfangen, was wir dadurch gewonnen haben: nämlich ein echtes Verständnis von Sinnhaftigkeit. Diese Freiheit macht einen großen Teil dessen aus, wer wir sind und wofür wir stehen. Wir wollen zeigen, dass man gemeinsam mit Freunden etwas aufbauen kann, das funktioniert und trotzdem erfolgreich ist. Welchen Preis das gekostet hat, kann ich gar nicht genau sagen, weil ich nicht weiß, wie ein anderer Weg ausgesehen hätte.
Jimmy: Wir hatten nie die Kraft einer großen Maschine hinter uns. Und selbst bevor wir uns bewusst für diesen Weg entschieden haben, waren wir keine besonders guten Arbeitnehmer – eher ziemlich gute Arbeitgeber. (lacht) So sind wir hier gelandet. Ich will niemanden schlechtmachen, aber es gibt Künstler*innen, bei denen es keine große Rolle spielt, ob sie ihre eigenen Songs singen oder die von jemand anderem. Für mich gehört aber der ganze Prozess zur Kunst, und ich möchte nicht in der Idee von jemand anderem leben.
Was war der riskanteste kreative Entschluss, den ihr je getroffen habt – und hat er sich gelohnt?
Emily: Vermutlich einzelne Songs, die etwas ungewöhnlicher sind. Zum Beispiel „Help I’m Alive“. Wir haben den Track als erste Single von „Fantasies“ veröffentlicht. Abgesehen davon, dass er vorab geleakt worden war, hatten wir das Gefühl, ihn einfach rausbringen zu müssen. Wir dachten nicht unbedingt, dass es eine unglaublich eingängige Nummer ist. Dass wir dieses Risiko eingegangen sind, ohne uns darum zu kümmern, ob es kommerziell funktioniert oder nicht, macht uns aus. Und dann wurde „Help I’m Alive“ tatsächlich ein echter Durchbruch. Wir wurden also belohnt. Die anderen Risiken betreffen eher meine Gesundheit, etwa wenn ich von Lautsprechern springe oder Crowdsurfing betreibe.
Jimmy: Wir haben gelernt, dass es für uns der einzig richtige Weg ist, Risiken einzugehen und dass unsere Fans genau das auch erwarten.
Inwiefern ist euer neues Album „Romanticize The Dive“ eine Brücke zu früheren Alben von euch und wo geht die Platte bewusst neue Wege?
Emily: Wo wir gerade von „Help I’m Alive“ gesprochen haben, hat „Tremelo“ für mich in Bezug auf die neue Platte eine ähnliche Funktion, auch wenn die Stücke nicht ähnlich klingen. Der Song trägt eine eigene, völlig losgelöste Identität in sich. „Moral Compass“ wiederum funktioniert als Verbindung zu „Synthetica“.
Jimmy: Ja, der Track ist quasi wie ein Cousin von „Clone“, das auf „Synthetica“ zu hören ist. Als wir dieses Album gemacht haben, haben wir auch das Team wieder zusammengebracht, das schon an „Synthetica“ und „Fantasies“ gearbeitet hat. Also denselben Produzenten, denselben Abmischer, und wir sind sogar wieder in die Electric Lady Studios in New York zurückgekehrt. Wir wollten eine Art Verbindung zwischen 2009 und 2026 schaffen.
Viele Künstler*innen tun das aktuell und nehmen Referenzen zu eigenen Alben, die vor etwa 15 bis 20 Jahren erschienen sind.
Jimmy: Das haben wir auch oft gehört, aber nie wirklich geglaubt, bis wir selbst an diesem Punkt waren. Es hat sich einfach natürlich angefühlt und das ist entscheidend. Die Platte in der Mitte unseres Weges, „Pagans In Vegas“, war dagegen unser größter Ausreißer und hat sich nicht wirklich organisch entwickelt. Es war, als hätte damals etwas nicht ganz gestimmt. Das war zwar kein Grund aufzugeben, aber dieses Mal sind wir wieder im richtigen Groove, was gut ist.
Wenn dieses Album ein Gespräch zwischen eurem heutigen und eurem jüngeren Ich wäre, worum ginge es dabei?
Emily: Lustig, dass du das fragst. Hast du das Video zu „Victim Of Luck“ gesehen? Am Ende stehe ich mit der Kamera im Dunkeln und für mich sah es so aus, als würde ich mein heutiges Ich filmen. Eine verrückte Überlagerung. In so einem Gespräch würde es wahrscheinlich viel darum gehen, wie konsequent ich meinen eigenen Visionen gefolgt bin. Ich würde mir raten, weniger darauf zu geben, was andere sagen, und mich nicht so lange mit meinen eigenen Macken aufzuhalten. Sondern einfach das zu tun, was ich will und mutig zu sein.
Du bist also glücklich mit deiner Entwicklung?
Emily: Absolut!
Und Jimmy?
Jimmy: Ich habe einfach versucht, im Moment zu bleiben, als wir an der neuen Platte gearbeitet haben. Mein Ohr und mein Gehirn miteinander zu verbinden und so vielleicht auch einen Zugang zur Vergangenheit zu bekommen.
Und trotzdem wirst du jetzt im Zuge der Promotion zu „Romanticize The Dive“ mit all den alten Videos und Bildern konfrontiert. Was macht das mit dir?
Emily: Was denkst du, wenn du siehst, wie du früher Zigaretten einfach auf dem Boden ausgetreten hast, ohne dir Gedanken darüber zu machen?
Jimmy: Es hat alles unglaublich viel Spaß gemacht und war gleichzeitig auch ziemlich schlimm!
Emily: Genau darum geht es ja bei „Romanticize The Dive“, oder? Als Musiker*innen ist es nicht leicht, vor allem am Anfang. Man fährt im Van herum, spielt in schäbigen Clubs, schläft in Hotelzimmern, die kaum mehr sind als eine Toilette. Es gibt so viele seltsame Situationen und trotzdem lebt man genau dafür. Am Ende blickst du zurück und es ist wie bei einem alten Polaroid. Die verblassten Farben lösen trotzdem ein warmes Gefühl aus.
Wie verhindert man, dass „zurück zu den Wurzeln“ einfach nur Wiederholung wird?
Emily: Wir wollten die Vergangenheit eher als Orientierung und Thema nutzen. Klanglich ist es aber ein sehr modernes Album geworden.
Jimmy: Eine Sache haben wir über die Jahre gelernt: Auch, wenn wir glauben zu wissen, wie etwas klingen wird, das wir uns vorstellen, tun wir es nicht. Wenn du uns ein Mikrofon und eine Gitarre gibst und sagst, wir sollen „Lucy in the Sky with Diamonds“ von den Beatles oder „Harvest“ von Neil Young so genau wie möglich nachspielen, würde am Ende trotzdem etwas ganz anderes entstehen. Man kann nicht einmal sich selbst kopieren. Wir haben das ausprobiert. Es funktioniert nicht!
Weil der Moment immer präsent ist. Imperfektion ist ein zentrales Motiv in den Texten der neuen LP. Warum fällt es Menschen so schwer, eigene Fehler als etwas Normales und vielleicht sogar Lehrreiches, Menschliches anzusehen?
Emily: Ich weiß es nicht.
Jimmy: Menschen sind ständig auf der Suche. Wenn sie uns als Band anschauen, suchen sie oft nach Dingen, die sie an sich selbst verbessern können, und nutzen uns gewissermaßen als Vorlage. Die besten Konzerterlebnisse entstehen aber dann, wenn Künstler*innen so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass du als Zuschauer*in fast automatisch bei dir selbst landest und dich fragst, was der Song und die Performance mit dir machen.
Wo scheitert ihr selbst besonders ungern?
Emily: Überall! Aber das hält uns nicht ab.
Jimmy: Nochmal zu „Pagans in Vegas“. Ich war ehrlich gesagt sogar ganz froh, dass wir damit keinen Hit gelandet haben. Davor lief alles so gut, wir hatten große Erwartungen und standen unter enormem Druck. Dann habe ich ein Album von Neil Young, „Landing on Water“, für einen Dollar in einem Plattenladen auf Vinyl entdeckt, es mit nach Hause genommen, angehört und fand es schrecklich. Wirklich unhörbar. Da dachte ich mir, wenn selbst jemand wie Neil Young mal scheitert, ist das kein Problem.
Und trotzdem spielt ihr einige der Songs von „Pagans in Vegas“ nach wie vor live?
Emily: Ja, „Cascades“ zum Beispiel!
Jimmy: Es ist kein schlechtes Album. Wir haben nur keine richtige Verbindung dazu. Ich bereue nichts daran.
Habt ihr Stilelemente, zum Beispiel einen Sound oder Effekt, den ihr bewusst beim Schreiben vermeidet, weil er „zu Metric“ geworden ist?
Emily: Dinge mit der Gitarre zu machen, wenn sie danach gar nicht mehr wirklich präsent ist. Sie ist kein bloßes Zierinstrument. Eine Ausnahme ist der Song „Crush Forever“. Aber selbst da gibt es einen roten Faden, bei dem ich die Präsenz der Gitarre spüre. Wobei das eigentlich keine Vermeidung ist, sondern eher die Vermeidung der Vermeidung.
Ihr habt die Songs für „Romanticize the Dive“ in New York aufgenommen, wo ihr als Band gestartet seid. Inwiefern beeinflusst die Wahl des Ortes den kreativen Prozess?
Emily: Sehr. Wenn man einen Ort gut kennt, macht das etwas mit einem. Jimmy war als Kind an der Juilliard School, er hat dort mit Torquil Campbell von Stars gelebt, viele Kapitel seines Lebens haben dort stattgefunden. Dann kam er nach Toronto, hat mich kennengelernt, und 1998 sind wir gemeinsam nach New York, bevor es später nach Los Angeles und dann wieder zurück ging. Wir haben fast ein Jahrzehnt in New York gelebt, auch während wir „Synthetica“ und „Fantasies“ aufgenommen haben, und wohnten in der Nähe der Electric Lady Studios. Danach waren wir immer wieder in der Stadt, in verschiedenen Unterkünften.
Im Zuge von „Romanticize The Dive“ mussten wir eine Art Portal finden, das uns dorthin zurückbringt. Wir haben dann ein Hotel entdeckt, in dem wir zu den ersten Gästen gehört hatten. Als wir zu den Sessions ankamen, stiegen wir aus dem Taxi, brachten unser Gepäck hinein und bemerkten Fotos in den Fluren. Ich habe an der Rezeption gefragt, wen sie zeigen, und die Antwort war, dass es lokale Berühmtheiten aus der Zeit um 2008 sind. Da dachte ich sofort, wir sind am richtigen Ort. Wir gehen kurz danach raus und plötzlich läuft Julian Casablancas von The Strokes an uns vorbei. Das war völlig surreal.
Auch das Gebäude der Electric Lady Studios hat uns irgendwie eine spirituelle, fast telepathische Botschaft geschickt, was wir tun sollten, was nicht und wie wir alles verankern können. Es hatte etwas Magisches. Außerdem haben wir dort auch schon mit Lou (Reed) aufgenommen. Etwas sehr Besonderes!
Die „All The Feelings“-Tour wird im Herbst Deutschland erreichen. Ihr steht dafür gemeinsam mit euren Freunden von Stars und Broken Social Scene auf der Bühne. Was bedeutet euch das?
Jimmy: Ich meine, es bedeutet mir einfach alles, dass wir das machen dürfen. Diese ganze Karriere fühlt sich ohnehin schon fast wie ein Wunder an. Dass wir immer noch da sind und es uns gut geht. So eine Tour ist einfach ein wahr gewordener Traum. Einer von denen, aus denen man verschwitzt aufwacht.
Wie lange habt ihr das schon geplant?
Jimmy: Ich glaube, ich habe vor zwei Sommern zum ersten Mal mit Kevin Drew von Broken Social Scene darüber gesprochen. Aber intern lief das zwischen mir und ein paar Leuten schon etwa fünf Jahre vorher.
Emily: Wir freuen uns riesig darauf!

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