REVIEW: Tori Amos „In Times Of Dragons“

Eine Anleitung zum Überleben in einer von Männern dominierten und verletzten Welt: „In Times Of Dragons“ von Tori Amos.

Ohne Zweifel gehört Tori Amos zu den innovativsten Künstler*innen ihrer Generation und inspirierte Hunderte von Kolleg*innen, an sich und ihre Kunst zu glauben. Bekannt geworden in den 90ern mit Alben wie dem Debüt „Little Earthquakes“ (1992) oder „Under the Pink“ (1994), bahnte sich Tori Amos binnen kürzester Zeit den Weg an die Spitze des internationalen Singer-Songwriter-Feldes. Sie wurde vor allem für ihre virtuose Art gefeiert, das eher mit Klassik oder Pop assoziierte Piano zum Rockinstrument umzufunktionieren. Gleichzeitig waren ihre Texte schon immer progressiv und setzten sich mit tabuisierten Themen, allen voran der Gewalt gegen Frauen, auseinander – nicht zuletzt, da Amos selbst einst von einem Fan nach einem Auftritt vergewaltigt worden war. „In Times Of Dragons“ ist das 18. Studioalbum der in den USA geborenen Musikerin, die seit Jahrzehnten in England lebt. Das Motiv des Drachens steht dabei als Metapher für die Machtstrukturen, die unsere Gesellschaft in ihren Fängen halten und die es sowohl anzuklagen als auch aktiv zu durchbrechen gilt. Tori Amos versucht dies mit einer für sie typischen tonalen Dynamik und reflektierten, klugen Lyrics. Dabei lässt sie neben Überlegungen, wie politische Tyranneien entmachtet werden könnten, auch Themen wie Weiblichkeit und Selbstermächtigung einfließen, die sie in mystische, mal kryptischere, mal direktere und auch direktive Worte webt. Im Hintergrund erklingt derweil ein tonales Spektrum zwischen düsterer Dramatik und lodernder Wut. Die Platte enthält viele Elemente, die Tori Amos bereits zu Beginn ihrer Karriere ausmachten: Wir erleben eine Musikerin, eine Frau, die sich nicht unterjochen lässt, sondern ihren Platz im Zentrum der Aufmerksamkeit einfordert. Wenngleich der Gesang von Tori Amos auf den ersten Eindruck samtig und lieblich wirkt, ist er doch messerscharf und überstrahlt viele andere Stilmittel, selbst das für sie so unverzichtbare Klavierspiel. Letzteres gibt auf den 17 Titeln stets Tempo, Lautstärke und Vitalität vor. Während einige ihrer letzten LPs gediegener und gefälliger daherkamen, ist „In Times Of Dragons” definitiv eines ihrer mutigsten und expressivsten Alben. Wieder mit dabei ist auch Tori Amos‘ Tochter Tash Hawley, die bei Songs wie „Veins” eine wunderbare stimmliche Ergänzung zu dem charismatischen Timbre ihrer Mutter darstellt. Sonst sind keine prominenten Gäste zu vernehmen. Stattdessen spielt die Mittsechzigerin mit fiktiven Figuren wie der Hohenpriesterin, dem Vampir, dem Medizinmann, dem Echsendämon oder der Hexe. Sie alle liefern die Motive für jenes beeindruckende Konzeptalbum, das in dieser Form nur von einer Tori Amos stammen kann. Auch wenn es noch nicht ihr eigenes Memento mori ist, so ist es doch ein mahnender und nachhallender Meilenstein in der zweiten Lebenshälfte dieser Ausnahmekünstlerin.


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