Während sie einerseits mit ihrem eigenen Label die volle Kontrolle übernehmen, erlauben sich Sylvan Esso andrerseits musikalisch den Sprung in ein explosives Kuddelmuddel: „Ow ∞“.
Wie können wir gesund mit Schmerz umgehen? Für viele Menschen ist das Verdrängen die Lösung erster Wahl, die sich jedoch oft als wenig nachhaltig erweist. Das ewige Wegdrücken von Emotionen kostet Kraft. Sobald die Energie dann aufgebraucht ist, kommt es meist zu einem massiven Rückschlag, der einen erst richtig zu Boden wirft. Wesentlich effektiver scheint da die aktive Auseinandersetzung mit dem, was den Schmerz verursacht. Das genaue Hinschauen und -fühlen mag zwar im ersten Moment noch mehr wehtun, doch ermöglicht es die Versöhnung mit dem Istzustand und lässt etwas Neues entstehen, wo vorher Wunden klafften. Gebeutelt von alltäglichen und essenziellen Katastrophen – ein Hurrikan in North Carolina im Jahr 2024 und Brände in Kalifornien im Jahr 2025 – fand sich das Ehe-, Band- und Produzentenpaar Amelia Meath und Nick Sanborn, auch bekannt als Sylvan Esso, in einem Wirbel aus Chaos wieder. Dieser hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Arbeit an ihrem fünften Studioalbum und beeinflusste sowohl die Texte als auch die Ästhetik der LP massiv. Über einen Zeitraum von vier Jahren werkelten die beiden in etlichen Sessions aus Improvisationen an dem, was jetzt unter dem Namen „Ow ∞“ erscheint. Dabei gab es – anders als früher, als sich Meath und Sanborn vorrangig auf sich selbst verließen – auch immer wieder externe Inputs durch Musikerkolleg*innen wie Jenn Wasner, Glenn Kotche, BJ Burton, Buddy Ross, Daniel Aged und TJ Maiani. Sie alle trugen etwas zu dem stilistischen Wirrwarr bei, das „Ow ∞“ ausmacht. Ein Aspekt, der keinesfalls negativ verstanden werden sollte. Denn mehr denn je ist diese Platte ein Konglomerat aus unterschiedlichsten Einflüssen und Ideen. Kantig, freigeistig und zuweilen von produktiver Wut durchdrungen. Zwar lassen sich als rote Fäden nach wie vor Meaths wohltuender Gesang, mit dem sie schon beim Folk-Trio Mountain Man auf sich aufmerksam machte und der hier zum Anker in rauer See wird, sowie Sanborns Synthesizer-Klanggerüste ausmachen, doch geht es daneben wirklich wild zu. „Ow ∞“ bedient sich stilistisch zu großen Teilen in den späten Neunzigern – von punkigen, grungigen Momenten à la Nirvana bis hin zu eher elektronischen Referenzen und Breakbeat. Das Album macht das Durcheinander, das verschiedene Einschnitte im Leben mit sich bringen können, erlebbar, wirkt dabei aber nie destruktiv. Im Gegenteil. Während Meath im Song „Sledge“ beispielsweise „Destroy, Destroy, Destroy“ singt – das Wort taucht in den Lyrics von „Ow ∞“ an vielen Stellen auf –, überschlägt sich im Hintergrund eine hoffnungsvolle Euphorie. Das Spiel mit Rhythmen, Tempi und Kontrasten ist bei den zwölf Songs allgegenwärtig. Sylvan Esso bezeichnen „Ow ∞” selbst als eine Art fragmentarische Collage. Nicht zuletzt, weil auch Samples eine wesentliche Rolle im Aufnahmeprozess einnahmen. Seien es eigene Recordings, die überarbeitet wurden, oder Aufnahmen verehrter Acts wie Sigur Rós‘ „Svefn-g-englar“ im Track „Concrete Glen“. Obwohl Collagen per Definition aus zerrissenen Schnipseln, aus etwas Zerstörtem (wir erinnern uns: „Destroy“), bestehen, klingt das Gesamtergebnis doch recht schlüssig und verbunden. Der Kleber aus Liebe zur Musik und Experimentierfreude ist einfach zu fest, als dass er Risse hinterlassen könnte, die an der Genialität von Sylvan Esso zweifeln lassen. Das Duo traut sich hier einmal mehr, die eigene Kunst mit dem produktionstechnischen Presslufthammer zu zerhauen, um aus den Überresten einen kreativen Wegweiser zu erbauen, der in eine spannende Zukunft weist. Und das nicht nur für Sylvan Esso selbst, sondern auch für eine ganze Generation von Avantgardisten.


Kommentar verfassen