REVIEW: Girls In Hawaii „Eldorado“

Der Letzte macht das Licht aus. Kurz bevor die Glühbirne im Probenraum von Girls In Hawaii für immer erlöschen sollte, kam es glücklicherweise zu einer Erleuchtung, der wir das Album „Eldorado“ verdanken.

Wenngleich sie nicht so erfolgreich wie die Editors, Interpol, Franz Ferdinand oder Bloc Party sind, gehören Girls In Hawaii seit den frühen 2000ern nichtsdestoweniger zu den beständigeren Größen innerhalb der europäischen Indierock-Szene. Dabei fiel die Band schnell durch ihre eigenwillige Kombination aus energetischen E-Gitarren-Sounds und Schlagzeug-Beats auf, denen stets eine gehörige Portion Nachdenklichkeit entgegengesetzt wird – verkörpert durch den bedeutungsschwangeren Gesang der Frontmänner Antoine Wielemans und Lionel Vancauwenberghe. Diese Mischung entwickelte sich mehr und mehr zum Markenzeichen der Formation und sicherte ihr im Rennen um die Gunst der Hörer*innen stets eine besondere Nische. Nach ihrem letzten Album „Nocturne” (2017) wurde es dann aber trotzdem längere Zeit still um Girls In Hawaii. Irritiert von den einschneidenden Entwicklungen der Musikindustrie, denen zunehmend Acts zum Opfer fielen, stellten sich auch die sechs Belgier die Frage, ob ihre Karriere noch Sinn machte oder ob es an der Zeit war, das Ende der Band einzuläuten. Als dann im Jahr 2022 auch noch ihr langjähriger Manager verstarb, schien das Schicksal von Girls In Hawaii fast besiegelt. Es brauchte ein Zeichen, um die letzten verbliebenen Energien zu bewahren und den wachsenden Zweifeln Widerstand zu leisten. 2025 kamen die Betreiber des legendären Veranstaltungsorts Ancienne Belgique auf Girls In Hawaii zu und baten sie, zum zwanzigsten Jubiläum ihres Debüts „From Here To There“ (2005) ein paar Konzerte zu geben. Das war der nötige Impuls, in sich zu gehen und zu überlegen, was die Zukunft eventuell noch parat halten könnte. Losgelöst von jedwedem Erfolgsdruck – schließlich ging es bei den Shows nicht darum, ein neues Album zu promoten – spürten Wielemanns, Vancauwenberghe und Co., dass die Verbindung zwischen ihnen als Musiker*innen weiterhin derart stark und belastbar war, dass sie nicht zu kappen gewesen wäre. Sie merkten aber auch, dass da viele unerzählte Geschichten waren, die in akustische Form gegossen werden sollten. So entstand „Eldorado“. Ganz dem Titel entsprechend, bei dem es um jenen sagenumwobenen Ort geht, an dem ein riesiger Goldschatz verborgen sein soll, pilgerten Girls In Hawaii einem ungewissen Morgen entgegen, verbunden mit der Motivation, dass noch viele wertvolle Momente auf sie warten würden. Zwei Hände voll davon bietet ihr fünftes Studioalbum. „Eldorado“ strotzt vor eindrucksvollen Songs. Girls In Hawaii gelingt es, an ihr eigenes musikalisches Vermächtnis anzuknüpfen und dessen Quintessenz zu destillieren. Gleichzeitig bewahren sie sich eine Frische, die die LP zu einem echten Highlight in ihrer Diskografie macht. Textlich hangeln sich die elf Tracks an gewichtigen Fragen zu Themen wie der Klimakrise, der spürbaren kollektiven Erschöpfung, zerbrechenden Beziehungen, schmerzhaften Abschieden, Bildern aus Kindertagen und der Suche nach dem eigenen Platz in einer zunehmend instabilen Welt entlang, ohne den Mut zu verlieren. Dass all das nicht ohne Emotionen reflektiert werden kann, zeigt die klangliche Ausgestaltung der Platte. Sie reicht von leisen, melancholischen Momenten wie einem zarten Wimmern bis zu aufbrechender, massiver Wut, die sich in apokalyptischen Melodiebögen wie im Opener „Is It Happening Right Now?“ äußert. Girls In Hawaii beweisen, dass es schon immer ihre Stärke war du. Auch weiterhin ist, Gefühle erfahrbar zu machen und dabei vollkommen authentisch zu sein. Wir können miterleben, wie die Band am Anfang der LP an ihrer eigenen Unsicherheit zu zerbrechen droht, als wäre sie ein Schiff auf stürmischer See, bevor die Wellen schließlich abebben und es im letzten Drittel von „Eldorado” etwas weniger turbulent zugeht. Hier sei stellvertretend „Man In The Crowd“ hervorgehoben, ein Song, der fast ein wenig an Radiohead oder frühe Arbeiten von Muse erinnert. Dass man Girls In Hawaii ihre Emotionen abnimmt, liegt neben den clever eingesetzten Instrumentierungen auch daran, dass die Lyrics allesamt in One-Takes aufgenommen wurden. Somit sind auch kleine Imperfektionen und Brüche, die das Menschsein menschlich machen, mit eingeflossen und bieten eine Tiefe, die stellvertretend für die vielen intensiven Auseinandersetzungen einer gereiften Band mit sich selbst steht.


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