Für „Revelations of Divine Love“ opfert Susanne Sundfør an der Seite von Kit Downes die Chance auf Chart-Erfolge, um eine ihr wichtige mittelalterliche Schrift achtungsgebietend zu inszenieren.
Musiker*innen werden schnell – und meist nur – mit ihren größten Erfolgen assoziiert. Bei Susanne Sundfør waren das vor allem die Alben „The Brothel“ (2010), „The Silicone Veil“ (2012) und „Ten Love Songs“ (2015), mit denen ihr der endgültige Durchbruch – auch außerhalb ihrer Heimat Norwegen – gelang. Wahre Meisterstücke, die durch eine innovative und einzigartige Fusion aus opulenten Synthesizer-Sinfonien, hämmernden Beats, markanten, theatralischen Gesängen und poetischen Lyrics begeistern. Es folgten zahlreiche Kollaborationen – von mehreren Auftritten bei Röyksopp über Featurings bei Susanna oder Kleerup bis hin zu Zusammenarbeiten mit M83 und John Grant. Susanne Sundfør war zu einem leuchtenden Stern am Art-Pop-Firmament geworden, der vielen anderen Künstler*innen den Weg wies. Doch dann entschied sich die heute 40-Jährige, Stück für Stück aus dem Rampenlicht herauszutreten und den Trubel des Lebens als Popstar hinter sich zu lassen. Sowohl innerhalb ihres Schaffens als auch im Privaten. „Music for People in Trouble“ aus dem Jahr 2017 stellte ein erstes Abwenden von besagten elektronischen Klangwelten dar. Wobei noch ausreichend verbindende Elemente dafür sorgten, dass ihre Fangemeinde Susanne Sundfør trotz der stilistischen Neuorientierung zu großen Teilen folgen konnte. 2023 machte es „Blómi” vielen dann schon schwerer. Mit dem Verlassen der Großstadt, der Geburt ihrer zwei Kinder und ihrem aufkeimenden Interesse für ökologische Landwirtschaft nahmen auch Sundførs Kompositionen kargere Züge an, was nicht bei jedem für Begeisterung sorgte. Anstelle aufpolierter, elektrifizierter Opulenz bewegt sich „Blómi“ beispielsweise zwischen Folk, Jazz, Chamber Pop und Contemporary Classical und wirkt damit wie eine gekeimte Referenz an ihr selbstbetiteltes Debüt von 2007. Der Sound ist intellektuell verkopft und keinesfalls mainstreamtauglich. Auch ihr heute erscheinendes achtes Studioalbum „Revelations of Divine Love“ will nicht in die Zeit der Heavy Rotations auf Radiosendern zurück. Allerdings setzt es einen anderen Schwerpunkt als sein Vorgänger: ein sakrales Orgelspiel, für das der Organist Kit Downes verantwortlich zeichnet und das mit spirituellen Gedanken gepaart wird, die hauptsächlich auf den gleichnamigen mystischen Text der Ankerfrau und Schriftstellerin Julian of Norwich aus dem 14. Jahrhundert zurückgehen. Einmal mehr setzt Susanne Sundfør dabei auf Atmosphäre mithilfe von Stille, Pausen und feinen Akzentuierungen, anstatt jene „Wall of Sound” aufzubauen, an deren Sockel sie einst berühmt geworden war. Dieser Ansatz ist in der Diskografie von Susanne Sundfør aber nicht neu. Bereits 2011 zeigte die Live-Platte „A Night at Salle Pleyel“, wie gerne sie mit Orgelpfeifen experimentiert. Nur gerieten die Stücke zwischen den deutlich lauteren LPs „The Brothel“ und „The Silicone Veil“ ein wenig in den Hintergrund. Es ist nicht zu erwarten, dass Susanne Sundfør mit „Revelations of Divine Love“ ein fulminantes Comeback feiern wird. Dafür ist die Platte zu speziell, zu bedeutungsschwanger, zu düster – wie auch das zum Album gehörende Cover, das eine Frau während der Entbindung zeigt und gleichsam an eine Art Exorzismus erinnert. Doch geht es der reflektierten Vocalisten und Multiinstrumentalistin scheinbar auch nicht darum, den Massengeschmack zu treffen. Vielmehr scheint sie zu kompletter kreativer Freiheit gefunden zu haben. Eine Freiheit, die sich in elf hymnisch-hypnotischen und extrem intimen Titeln manifestiert, die von zwei Spoken-Word-Botschaften thematisch gerahmt und in den Kontext gesetzt werden. Einzig der Song „What Are We“ lässt die strahlende Eleganz erahnen, aufgrund derer viele Hörer*innen einst Susanne Sundfør verfielen, bevor im nächsten Augenblick wieder Themen wie Leid, Sünde, Angst, Tod und menschliche Begrenztheit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und für Schwermut sorgen. Und doch bleibt schlussendlich die Hoffnung der zentrale Ausweg. Davon künden sowohl „Revelations of Divine Love“ als auch Julian of Norwichs Worte. Eine Hoffnung, die sich in der Liebe zu Gott aber auch zu den Menschen um uns herum finden lässt.


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