Ein Coming-out der musikalischen Art, das hier und da lauter hätte sein können, aber trotzdem eine neue Facette von Troye Sivan als schwuler Mann und innovativer Künstler zeigt: „She’s the Best“.
Bereits im Alter von 18 Jahren teilte Troye Sivan öffentlich, dass er homosexuell ist. Was seiner Karriere – entgegen vieler Meinungen in der Branche – jedoch keinesfalls schadete, sondern ihr einen ordentlichen Anschub bescherte. Seitdem gilt der in Südafrika geborene und in Australien aufgewachsene und lebende Sänger, Influencer und Schauspieler als beliebtes Rolemodel für queere Jugendliche, junge Erwachsene und alle anderen, denen es an geeigneten Identifikationsfiguren oder Sympathieträger*innen fehlt. Auch in seiner Musik thematisiert Troye Sivan seine Identität. Während sich „Something to Give Each Other“ (2023) mit Begehren, Körperlichkeit, Hedonismus und (LGBTIQ*-)Gemeinschaften auseinandersetzt und dabei von flirrenden Up-Tempo-Beats begleitet wird, ist „She’s the Best“ ein introvertierterer Nachklang dessen. Es wirkt wie ein Reflexionsprozess nach einem rauschenden Club-Abend, wenn die Stille in die Gedanken einzieht. Dies schlägt sich sowohl in der musikalisch-rhythmischen als auch textlichen Ausgestaltung der LP nieder. Wo „Something to Give Each Other“ teils kinky und provokant daherkam, schlägt „She’s the Best“ ruhigere Töne an. Melancholischer, verträumter und ernster. Obwohl es auch tanzflächentaugliche Nummern wie „Party“, in dem Madonnas „Music“ gesampelt wird, „Canada Dry“ oder „Troye Meets The World“ gibt. Stilistisch orientiert sich Sivans viertes Studioalbum stark an den 90ern mit Elementen aus House, Dance, Trip-Hop, Shoegaze, Breakbeat, Drum’n’Bass und Pop, wie man ihn auch von Produzenten wie dem kürzlich verstorbenen William Orbit (zum Beispiel im Track „Cowboy“) erwartet hätte. Die Lyrics drehen sich indes um die uns allen omnipräsente Frage „Wer bin ich?“, die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit im Kontrast zu Einsamkeit und Leere sowie die Angst vor Verletzlichkeit. Sivan wirkt nachdenklicher und übernimmt mehr kreative Kontrolle als je zuvor. Erstmals zeigt er sich nämlich auch als Produzent verantwortlich. Einige der Gesangsparts hat er zudem in Bedroom-Pop-Tradition à la Billie Eilish zu Hause aufgenommen und relativ roh und unbearbeitet in die zwölf Tracks einfließen lassen, wie unter anderem der Song „Le Boy“ zeigt. Bereits mit der im August erschienenen Vorabsingle „She’s the Best“, die den Albumtitel andeutete, zeigte der 31-Jährige, dass er stilistisch neue Terrains erkunden wolle. Gerade dieser Song fungiert dabei aber als die insgesamt stärkste Zensur, vor allem im Vergleich zu seinem Frühwerk – was einerseits lobenswert ist, andererseits aber auch eine kleine Kritik in sich birgt. Die sorgsam herausgearbeiteten nostalgischen Alternative-Pop-Referenzen dürften sich noch umfänglicher durch die Gesamtheit der LP ziehen. Zwar erleben wir einen Wandel, der Sivans Kompatibilität für Hörer*innen fern des Mainstreams ebnet, nur hätte dieser eben noch mutiger und konsequenter sein können. Allerdings verändern sich Persönlichkeiten auch nicht von jetzt auf gleich, sondern Stück für Stück. Festzuhalten bleibt, dass „She’s the Best“ ein schönes und berührendes Symbol dafür ist, dass die queere Szene – anders als es Klischees oft beschreiben – nicht nur an Exzess, Partys und Sex interessiert ist, sondern auch tiefgründige Seiten besitzt. Dies wird schlussendlich auch im emotionalen Finale „Lost Time“ deutlich, einem Duett mit Lily-Rose Depp, mit der Sivan auch in der HBO-Produktion „The Idol“ zu sehen war. Kleine Schwächen sind „She’s the Best” durchaus genauso zu verzeihen wie uns Menschen selbst, denn es geht doch vielmehr um Authentizität als um Perfektion.


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