Ane Bruns „I Thought We Were The Same“ bietet Zuflucht, Ablenkung oder eine Prise Mut – je nachdem, was wir in der Auseinandersetzung mit tiefer Enttäuschung gerade brauchen.
Das stilistische Spektrum von Ane Brun ist extrem breit. Es reicht von folkigen bis clubtauglichen Songs. Mal poppig, mal verträumt, mal avantgardistisch. Und stets eins: emotional ergreifend! Nachdem sie in den letzten Jahren immer mehr mit artifiziellen statt organischen Songwriter-Sounds experimentiert hat, vor deren Hintergrund ihre charakteristische, intensive und manchmal gar theatralische Stimme immer mehr strahlen konnte, ist ihr neuestes Album „I Thought We Were The Same“ der vorläufige Höhepunkt dieser kreativen Entwicklung. Nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit Landsleuten wie ARY und den Ikonen Röyksopp erforscht die Platte elektronische Spielarten verschiedenster Couleur. Seien es Ambient-, Synthpop-, Dance- oder gar Deep-House-Einflüsse. „I Thought We Were The Same“ ist eine LP, die den späten Nachstunden gewidmet ist, wenn das Tageslicht neonfarbenen Strahlern weicht und die Dunkelheit sämtliche Konturen auflöst. In diesen Momenten setzen wir uns nicht selten mit Themen auseinander, die sich als neuronale Spuren tief in unser Gehirn eingeprägt haben. Verletzende, aufwühlende Momente, an die sich Gefühle wie Angst, Scham oder Traurigkeit gekoppelt haben. Genau das thematisiert „I Thought We Were The Same“ und widmet sich der Dialektik, die hinter menschlichem Vertrauen steht. Ane Brun erforscht unsere Fähigkeit, uns auf andere Menschen einzulassen, um unser Überleben zu sichern, wobei wir uns aber gleichzeitig auch verletzlich machen (müssen). Den eigenen Schutz abzulegen, sodass ein Gegenüber uns näherkommen kann, birgt stets die Gefahr, auch angegriffen werden zu können. Das ist der Preis, Vertrauen aufbringen zu können. Es gibt keine absolute Sicherheit, dass es nicht ausgenutzt wird. Nicht einmal in Bezug auf jene, die uns am nächsten stehen. Seien es Partner*innen, Freund*innen oder Familienmitglieder. „I Thought We Were The Same“ konkretisiert dabei zu keiner Zeit, wer es im Fall von Ane Brun war, der sie derart aufgewühlt hat, dass sie eine ganze Platte zur Auseinandersetzung und Verarbeitung erschaffen hat. Stattdessen bleiben die Texte abstrakt genug, dass jeder, der bereits erlebt hat, dass sein Vertrauen missbraucht wurde, Anknüpfungspunkte finden kann – egal auf welcher Ebene. Trotz all des Schmerzes ist das Album jedoch nicht rein destruktiv. Es geht auch darum, nicht daran zu zerbrechen und zu verhärten, wenn wir der „falschen“ Person vertraut haben, sondern Mut aufzubringen, sich eine gewisse Offenheit zu bewahren, um im richtigen Moment erneut jenes Risiko eingehen zu können – obgleich noch Wunden klaffen oder sich Narben auf unserer Seele gebildet haben. Mensch zu sein, heißt, Widersprüchlichkeiten aushalten zu können. Aufzustehen, wenn wir gefallen sind und die Hände zu ergreifen, die uns Hilfe anbieten. Ane Brun begleitet diesen Prozess mit „I Thought We Were The Same“ auf extrem empathische Weise. Sie leidet mit uns, nimmt uns in den Arm, schafft Zerstreuung, indem sie uns auf die Tanzfläche entführt, und lässt Hoffnung aufblitzen, verbunden mit dem Zuspruch, diese wachsen zu lassen, wenn die Zeit dazu reif ist. Selten hat sie selbst verwurzelter und klarer gewirkt als jetzt, während sie gleichzeitig vollends in ihrer Kunst aufzugehen scheint. Ein optimistisches Zeichen dafür, dass wir an Krisen wachsen können!


Schreibe einen Kommentar