REVIEW: Róisín Murphy „Hairless Toys“

Roisin MurphyManch einer mag in ihr den ewig bunten Paradiesvogel sehen, manch anderer hingegen noch immer die Ex-Frontfrau eines der spannendsten Dance-Duos aller Zeiten und ein Dritter fragt sich vielleicht, wer Róisín Murphy überhaupt ist – Mensch oder überirdisches Science-Fiction-Wesen?
Zufällig sei sie ins Musikbusiness gestolpert, gibt die heute 42-Jährige im Zuge der Veröffentlichung ihrer neuen Platte „Hairless Toys“ zu verstehen. Doch sollte Miss Murphy es eigentlich besser wissen, denn zufällig war an der Metamorphose hin zu jener eigentümlichen Diva, die sie heute ist, wahrlich nichts. Ganz im Gegenteil. Schon immer war die gebürtige Irin fasziniert von der Tatsache, wie Musik den Menschen dazu verhalf, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Folglich ist ihre Begegnung mit Mark Brydon, in einem schäbigen Sheffielder Nachtclub, wohl eher als letzter schicksalhafter Anstoß zu verstehen, den es noch gebraucht hatte, um bei Murphy sämtliche Türen aufzustoßen, die ihr Potenzial bis dato unter Verschluss gehalten hatten. An der Seite Brydons lernte sie schließlich Laufen, nein, Fliegen. Als Moloko raste das Paar durch den Pophimmel. Bis es zum Sturzflug kam – vor allem dem persönlichen, denn die beiden Partner teilten neben dem gemeinsamen Projekt auch die Liebe zueinander, bis diese einen unheilbaren Bruch erlitt. Das bedeutete das Aus für Moloko, doch hätte dieses nicht würdevoller vonstattengehen können, als mit der Veröffentlichung des monumentalen Albums „Statues“.
Was blieb? Eine verunsicherte Sängerin, die den Mut in sich selbst verloren hatte. Selbst zahlreiche Kollaborationen und die Realisierung zwei gefeierter Soloplatten konnten daran nicht wirklich etwas ändern.

Hairless ToysIn den Jahren nach dem Release ihres Zweitwerks „Overpowered“, der an eine sehr umfangreiche und anstrengende Tour gebunden war, versuchte Róisín Murphy langsam aber sicher von der Bildfläche zu verschwinden und sich vollends auf das Muttersein zu konzentrieren – eine für sie völlig neue Rolle, die sie jedoch, wie all die anderen zuvor, mit Bravour meistern sollte. Nur hatte sie bei ihrem stillen Plan vergessen, ihre Fans mit einzukalkulieren. Wie hungrige Wölfe verschlangen die jeden einzelnen Song, den Murphy während ihrer langen Abstinenz in die Welt entsandte. Irgendwann konnte sie wohl nicht mehr anders, als sich auf das zu besinnen, was ihr von jeher in die Wiege gelegt worden war – ungeachtet aller Leugnungsversuche dessen. Als erstes Lebenszeichen meldete sich Róisín Murphy 2014 schließlich mit der italienischen „Mi senti“-EP zurück, die jedoch nur ein kleiner Vorgeschmack auf das sein sollte, was nun folgt. Zusammen mit ihrem Langzeitkompagnon Eddie Stevens, der Murphy schon zu Zeiten von Moloko wie ein Bruder zur Seite gestanden hatte, wagte sich die androgyne Songwriterin an die Verwirklichung einer neuen LP: „Hairless Toys“. Acht Songs markieren einen neuen Höhepunkt im Schaffen der extrovertiert auftretenden Blondine. Mal akzentuiert und an ihr Debüt „Ruby Blue“ erinnernd („Gone Fishing“, „Uninvited Guest“), dann von lässigen Discobeats à la Frankie Knuckles fasziniert („Evil Eyes“) oder selbstsicher die Brücke zwischen Synthie Pop und Folk schlagend („Exile“, „Unputdownable“), bahnt sich Róisín Murphy auf „Hairless Toys“ ihren ganz individuellen Pfad durch den Electronica-Kosmos. Hinzukommen zwei sensible Downtempo-Balladen namens „House Of Glass“ und „Hairless Toys (Gotta Hurt)“ sowie der vor Coolness und Experimentierfreude nur so protzende, über neun-minütige Track „Exploitation”, den Murphy bereits im Vorhinein als Appetithappen auf ihr neues Album serviert hatte. Schicht um Schicht überrascht die Grand Dame des Discopops aufs Neue und man darf auch weiterhin große Erwartungen an diese Frau haben, denn sie wird auch diese vermutlich mit Leichtigkeit übertreffen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: