REVIEW: Farao „Till It’s All Forgotten“

Farao by Ella SchultzWenn du glaubst, du hättest zu dir selbst gefunden, reicht oft schon eine zarte Brise von Unsicherheit aus, um deine Welt ins Wanken zu bringen. Doch liegt in dieser Erschütterung auch die Chance, Altlasten und an dir haftende Etiketten endlich loszuwerden.
Kari Jahnsen alias Farao wurde zu Beginn ihrer Karriere gern als sanftmütiges Folk-Pflänzchen abgetan, dessen Blätter sich genügsam im Takt des Windes bewegten. Doch reichten die Wurzeln der Norwegerin wesentlich tiefer, als ein erster Blick es vielleicht vermuten ließ, und in der vermeintlich süßen Melancholie ihrer Kompositionen steckte schon damals eine stille Aggression. Um diese aber ein für alle Mal zu entfesseln und sich selbst als Künstlerin neu zu definieren, machte sich Kari im Frühling 2014 auf den Weg nach Island. Auf der rauen Insel arbeitete sie zusammen mit Tunngs Mike Lindsay an der Verwirklichung ihres lang ersehnten Debütalbums „Till It’s All Forgotten“. Anstatt sich dabei auf die Songwriterstrukturen zu stützen, die bereits ihre selbstbetitele EP „Farao“ ausgemacht hatten, wählte Farao ganz bewusst einen radikalen, tonalen Umschwung, der die Hörer erstaunen, schockieren, eventuell aber auch begeistern dürfte.

Till It's All ForgottenArchaisch ertönt „TIAF“, das Eröffnungsstück auf „Till It’s All Forgotten“, und bündelt all die Eindrücke, die im Folgenden auf den Hörer einprasseln werden. Mit aller Gewalt lehnt sich Farao gegen ihr eigenes akustisches Vermächtnis auf und überflutet ihren bisherigen Backkatlog mit kreischenden Synthies, pulsierenden Beats und splitternden Loops. Das gleicht dem Ausbruch eines zuvor inaktiven Vulkans. Doch braucht es manchmal eben Lavaströme und verheerende Brände, um etwas Neues zu erschaffen. Und während „Bodies“ noch wütend alles um sich herum zu verschlingen droht, versprüht zumindest der Folgetrack „Hunter“ einen Funken Hoffnung. Inmitten des Infernos erhebt sich Kari Jahnsen wie Phoenix aus der Asche und setzt zu sirenenartigen Gesängen an. Es fällt schwer zu beurteilen, was genau es sein könnte, das einen als Hörer an der Platte fasziniert. Vielleicht ist es die Kombination aus Bodenständigkeit und Extravaganz – eine Widersprüchlichkeit, die unergründbar scheint und genau deshalb neugierig macht. Feststeht jedoch, dass „Till It’s All Forgotten“ ohne zu zögern aus dem Hinterhalt angreift und einen nicht mehr loslässt. Den fiebrigen Baselines zu entkommen, auf denen Songs wie „Warriors“, „Silence“ oder „Fragements“ gründen, scheint unmöglich und nur das plätschernde „Maze“ verschafft eine kurzweilige Erfrischung.
Schweißgebadet blickt man nach Verklingen des Finales „Are You Real?“ auf Faraos „Till It’s All Forgotten“ zurück und kann kaum glauben, wie massiv dieses Album den Verstand bearbeitet hat.

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