REVIEW: Julia Holter „Have You In My Wilderness“

Julia Holter by Tonje ThilesenDie Beschwerden häufen sich, dass es aus akustischer Sicht seit den Neunzigerjahren keine wirklichen Innovationen mehr gegeben habe. Alles sei nur geklaut, zusammengestückelt oder wiederverwertet. Doch vielleicht liegt gerade darin der Geist der Moderne. Anstatt das Rad wieder und wieder neu erfinden zu wollen, nehmen sich viele Künstler bereits bestehender Strukturen an und interpretieren diese auf ihre ganz eigene Art und Weise. Schaffen Bündnisse, wo zuvor keine bestanden haben, und reißen Grenzen ein, als bestünden diese aus Papier. Eine Dame, die die auditive Vielfalt bereits innerhalb ihres Komponistenstudiums an dem kalifornischen Institut der Künste (CalArts) kennen und schätzen lernte, ist die aus Los Angelos stammende Julia Holter. Unbeeindruckt aller gängigen Regeln folgte Holter stets ihren eigenen Präferenzen und drang so immer tiefer in eine auditive Parallelwelt ein. Die Fußspuren, die sie dabei hinterließ, lassen sich auf den Alben „Tragedy“ (2011), „Ekstasis“ (2012) und „Loud City Song“ (2013) nachvollziehen. Nun kehrt die 30-Jährige mit einer weiteren LP namens „Have You In My Wilderness“ zurück in das Geschehen und zeigt, dass es manchmal gar keiner klaren Linien oder übergeordneter Konzepte bedarf, um ein in sich stimmiges Werk zu erschaffen.

Have You In My Wilderness„Have You In My Wilderness“ verbindet Motive einer bedrohlich wirkenden, wilden Natur mit Analogien aus zwischenmenschlichen Beziehungen. Gleichsam lässt Julia Holter wie gewohnt lyrische Anspielungen in ihre Texte einfließen und avanciert zur weisen Poetin. Doch wirkt „Have You In My Wilderness“ keineswegs altklug. Vielmehr überrascht die Platte durch ihren intuitiven Charakter, an den auch eine gewisse Aufrichtigkeit gebunden zu sein scheint. Fast schon naiv exploriert Julia Holter den tonalen Reichtum, den ihre Kollegen über die letzten Jahrhunderte angehäuft haben, und bewegt sich leichtfüßig zwischen dessen Schätzen. In der Folge bietet „Have You In My Wildernes“ Einflüsse aus Klassik, Pop, Trip-Hop, Electronica, Jazz, Folk, Alternative und Rock. Die Palette, mit der die Songwriterin ihre Songs koloriert, ist farbenfroher als jeder Regenbogen, und obwohl sich auf dem Album „nur“ zehn Titel befinden, hat man nach Verklingen des titelgebenden Endtracks „Have You In My Wilderness“ das Gefühl, man habe eine wahre Zeitreise durch den Gesamtkosmos der Musik hinter sich – geführt von einer Stimme, die innerhalb von Stücken wie „Silhouette“, „Sea Calls Me Home“ oder dem an Goldfrapp erinnernden „How Long“ klar im Vordergrund steht. Julia Holter hat sich auf „Have You In My Wilderness“ wieder einmal selbst übertroffen und hinterlässt zehn Tracks, die sowohl eigenständig, als auch in ihrer Gesamtheit, den Verstand berauschen.

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