REVIEW: CocoRosie „Heartache City“

CocoRosieIn Jean-Pierre Jeunets preisgekröntem Drama „Die fabelhafte Welt der Amélie“ macht sich die gleichnamige Hauptfigur Amélie Poulain unter anderem auf den Weg, einem in die Jahre gekommenen Mann seine einst mühsam versteckte Spielzeugkiste wiederzugeben, die sie dank der Verkettung einiger Zufälle zuvor in ihrer Wohnung entdeckt hatte. Mit feuchten Augen und einem Lächeln auf dem Gesicht wühlt sich Dominique Bretodeau, wie der Mann heißt, in einer der Schlüsselsequenzen des Films durch die aus der eigenen Kindheit stammenden Hinterlassenschaften, während Amélie ihn aus sicherer Entfernung beobachtet.
Das Glück, das man empfindet, wenn man alte Fotos betrachtet oder den einstigen Lieblingsteddy erneut in den Händen hält, lässt sich mit keinem Geld der Welt aufwiegen. Zu dieser Erkenntnis gelangten auch Bianca und Sierra Casady alias CocoRosie, als sie sich an die Verwirklichung ihres neuen Albums „Heartache City“ machten. Anstatt weiterhin dem Pfad zu folgen, der sie zuletzt zu dem recht poppigen „Tales Of A GrassWidow“ (2013) geführt hatte, nahmen sie eine holprige Abzweigung in Richtung Vergangenheit.

Heartache CityIm Alleingang, ohne die Unterstützung eines größeren Independentlabels, und unter dem Dach ihrer neu gegründeten DIY-Plattenfirma „Lost Girls“ wagten CocoRosie den Versuch, zu den Anfängen ihrer Karriere und dem Debüt „La Maison De Mon Rêve“ (2004) zurückzukehren. Als Katalysatoren bei diesem Ausflug dienten ihr bewährtes Refugium, ein Haus im Süden Frankreichs, und all die Instrumente und Gerätschaften, die einst den Klang ihres Erstlingswerks geprägt hatten. Gebunden an die selbst auferlegte Geißelung nur mit 4-Track-Aufnahmen arbeiten zu wollen, entstand ein sensibles Album, das den Titel „Heartache City“ völlig zurecht trägt. Fragil und naiv entspinnen Stücke wie „Un Beso“, „Time And Tina“ oder „Forget Me Not“ eine spröde Romantik, in der sich Biancas infantil aufgeladene Rap-Einlagen und Biancas vibrierende Gesänge perfekt zu entfalten wissen. Fans des Duos, die auch auf den Liveshows CocoRosies nur allzu gern nach Klassikern wie „Beautiful Boyz“ oder „Terrible Angels“ verlangen, werden von der Nostalgie, die beispielsweise „Lost Girls“ bietet, begeistert sein. Alle anderen entdecken in den Tiefen der „Heartache City“ vielleicht ein wenig Ruhe und Schutz, bevor der Wind der Veränderung erneut zum Aufbruch ruft.

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