REVIEW: Joanna Newsom „Divers“

Joanna Newsom by Annabel MehranAn ihr scheiden sich die Geister. Manche sehen in Joanna Newsom die virtuose Galionsfigur der Freakfolk-Bewegung, andere verspüren hingegen regelrecht Fluchttendenzen, sobald sie zum Gesang ansetzt. In jedem Fall zählt die aus Nevada City stammende Songwriterin und Multiinstrumentalistin zu den extravagantesten Erscheinungen der modernen Popkultur – und dass, wo Newsom bei ihren Werken doch vor allem auf klassische Elemente wie das Harfenspiel setzt. Seit ihrem Debüt „The Milk-Eyed Mender“ (2004) konnte die 33-Jährige ein immer größer werdendes Publikum um sich scharen. Ihre Hörerschaft ist dabei genauso bunt und undefinierbar wie ihr Stil selbst. Jener vereint sowohl Einflüsse aus Folk, Chamber Pop, Jazz, Indie und Klassik in sich. Nach „Ys“ (2006) und dem umfassenden „Have One On Me“ (2010) veröffentlicht Joanna Newsom nun ihr viertes Album namens „Divers“. Erneut beweist Joanna Newsom, die neben Musik auch kreatives Schreiben studierte, darauf, dass die Quelle ihrer Inspirationen noch lange nicht versiegt ist. Die Kritiker dürften begeistert sein.

DiversSchon das Cover von „Divers“ verbildlicht den mystisch-romantischen Flair, der auch die 11 auf dem Album befindlichen Titel durchtränkt wie ein schwerer, vollmundiger Rotwein, den ein tollpatschiger Gast auf der weißen Decke eines Tisches im feinsten Restaurant der Stadt verschüttet hat. Unschuld trifft da auf Lebenserfahrung, Reinheit auf Zynismus, Neugier auf Abgeklärtheit. Newsom beherrscht das Spiel mit den Widersprüchlichkeiten wie keine zweite. Und während man hier und da meint, Analogien zu Soundtracks alter Disney-Filme zu vernehmen, kratzt die Kalifornierin bereits im nächsten Moment derart stark an diesen Assoziationen, dass stattdessen eine den Hügel heraufrennende Kate Bush vor das innere Auge springt. Stürmischer als je zuvor pendelt Joana Newsom zwischen den Genres umher, wirbelt gehörig Staub auf und tobt sich auch lyrisch in bester Manier aus. Hinzukommen spitze akustische Stolpersteine, Disharmonien und eine sich wieder und wieder überschlagende Sangeskunst. „Divers“ bleibt auch nach mehrfachem Hören derart speziell und unzugänglich, dass man es stets neu für sich entdecken kann. Anstatt mit Gefälligkeiten und Banalitäten aufzuwarten, wird die Platte zu einer Art vertontem Roman über das Leben und seine Tücken.

Ein Kommentar

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  1. Eine absolut großartige Künstlerin! Danke für die tolle Rezi!

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