REVIEW: Grimes „Art Angels“

Grimes by RankinDass der beherzte Sprung in die Wellen des Mainstreampops gerne einmal dazu führt, dass zuvor gefeierte Independentkünstler plötzlich in diesen untergehen, das haben Bands wie Gossip oder Kings of Leon mehr oder minder eindrucksvoll bewiesen. Auch die aus Kanada stammende Songwriterin Claire Boucher alias Grimes schockte ihr Publikum, als sie im letzten Jahr den Song „Go“ als Vorabsingle einer geplanten LP entsandte – klang dieser doch so ganz und gar nicht nach dem atmosphärischen Dream Pop, den man von der quirligen Individualistin bis dato gewohnt war. Vielmehr erinnerten Gesang und Instrumentierung an einem wenig ambitionierten Dance-Track, der gleichzeitig den R’n’B zu revolutionieren versuchte. Bestürzt über die negativen Reaktionen ihrer Fans entschied sich Grimes kurzerhand, einen mehr als mutigen Schritt zu wagen und die Arbeiten an der fast fertigen Platte niederzulegen und noch einmal von vorn zu beginnen. Da es der kreativen 27-Jährigen bekanntlich aber nicht an Inspiration und Ideen mangelt, präsentiert sie nun, wenige Monate nach den beschriebenen Vorkommnissen, bereits ihr neues, viertes Album „Art Angels“. Wenn jetzt glaubt, Grimes habe dabei ihren Plan, musikalisch in bisher von ihr noch wenig genutzte Nischen zu schlüpfen, über den Haufen geworfen, der irrt jedoch gewaltig.

Art Angels„Art Angels“ ist eine Pop-Platte. Aber eine, die mehr zu bieten hat, als man es ihr vielleicht im ersten Moment zutrauen mag. Grimes inszeniert in den 14 Songs ein bizarres Soundspektakel, das sowohl Einflüsse von Enya als auch den Nine Inch Nails oder Outkast miteinander verbindet. Unerschrocken umarmt Grimes all das, was von der Alternativszene gern verpönt wird, und erweitert ihre eigene, akustische Identität somit um etliche Facetten. Als quietschender Flummi springt sie durch Songs wie „Kill V. Maim“, „California“ oder „Flesh Without Blood“ und lehrt dabei Popprinzessinnen wie Katy Perry oder Madonna das Fürchten. Was Grimes ihren Kolleginnen nämlich voraus hat, ist eine sehr klare Vision dessen, wohin sie eigentlich will. Und auf „Art Angels“ ist das ein buntes, energiegeladenes Klanguniversum, das sich deutlich von den Vorgängeralben „Visions“ (2012), „Halfaxa“ (2010) und „Geidi Primes“ (2010) abzugrenzen weiß – wobei diese in einer Linie mit „Art Angels“ aufgereiht durchaus wieder schlüssig wirken, ließen doch vor allem Stücke wie „Oblivion“ oder „Be A Body“ bereits Grimes Liebe zu beatlastigen Kompositionen aufblitzen. Der Sehnsucht nach lauter, aufwühlender Kompromisslosigkeit kommen auch die beiden Kollaborationen auf „Art Angels“ nach. Während das mit der taiwanesischen Rapperin Aristophanes realisierte „Scream“ massive Industrialrock-Brocken auf die Hörer zurollen lässt, fordert „Venus Fly“, ein Duett mit Janelle Monaé, sie zum kollektiven Abzappeln auf. Andächtiger wird es hingegen, wenn das wunderschöne „Life in the Vivid Dream“ erklingt, eine liebevolle Hommage an Grimes auditive Vergangenheit, der auch die Neuauflage von „REALiTi“ gedenkt.
Was bleibt? Ein Album, das die Weiterentwicklung einer der vielleicht skurrilsten Künstlerinnen unserer Zeit darstellt. Eigensinnig und ohne großartige Hilfen – Claire Boucher schrieb, produzierte und spielte „Art Angels“ eigenständig ein – entfaltet sich ihr Alter Ego Grimes in alle Richtungen. Dieses Mal stimmen- und instrumentenlastiger als je zuvor.

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