REVIEW: Anna Ternheim „For The Young“

Anna Ternheim by Monika ManowskaDiese Frau hat Nerven. Wir befinden uns auf der Verleihung des Nobelpreises 2015 – eine der wohl wichtigsten Veranstaltungen des Jahres. Die Stockholmer Stadthalle ist zu diesem Anlass in weiches Kerzenlicht getaucht, bestückt mit reich verzierten Tafeln und besucht von fein gekleideten Menschen, die allesamt wichtig und strebsam wirken. Plötzlich betritt eine blonde Musikerin mit Gitarre das Geschehen, begleitet von einem mehrköpfigen Orchester. Ihr Undercut, die Sturmfrisur, das futuristische Manteloutfit und der durchbohrende Blick lassen sie in dem elitären Kreis, der sie umgibt, beinahe wie einen Fremdkörper wirken. Und dann setzt sie auch noch zu einem Song an, den man in diesem Rahmen nicht unbedingt für angebracht gehalten hätte: Eine Neuinterpretation des Backstreet Boy Klassikers „Show Me The Meaning Of Being Lonely“. Nun gibt es wahrlich eine einzige Frau auf diesem Planeten, die eine solche Situation in ein wahres Spektakel verwandeln kann und glücklicherweise steht genau diese auf der Bühne. Anna Ternheim ist zurück und überrascht nach ihrem grandiosen 2011er Ausflug gen Country mit einer Rückkehr zu ihren kühlen und doch sanftmütigen nordischen Wurzeln, in deren Schoß selbst „Show Me The Meaning Of Being Lonely“ zur glänzenden Songwriterperle avanciert. Tosender Applaus schlägt der 37-Jährigen entgegen.

For The Young„For The Young“, das neue, fünfte Studioalbum Ternheims, lässt Fans der Schwedin in Erinnerung rufen, weshalb sie sich einst in die eigensinnige Liedermacherin verliebt haben. Gleichsam öffnet es Türen, die den Hörer an Schauplätze führen, an denen das Erbe von Songs wie „To Be Gone“ ebenso gewütet hat wie das des wesentlich stürmischeren „Leaving On A Mayday“. Anna Ternheim vereint auf „For The Young“ den gesamten Kosmos ihres Repertoires und besinnt sich auf all die Impulse, die sie einst an verschiedensten Klangexperimenten gereizt haben. Gleichzeitig setzt sich mit jedem einzelnen Track ein kleines Denkmal, das neben Rückwärtsgewandtheit auch immer den Blick nach vorne zulässt. Die Manhattan Bridge im Hintergrund des Artworks zu „For The Young“ deutet es an. Anna Ternheim ist im Laufe ihrer Karriere weit herumgekommen. Nach Jahren in Europa verschlug es sie schließlich in die Staaten, in deren pulsierendem Kulturzentrum, New York, sie nun lebt. Irgendwo zwischen Folk, Pop und Indie hat sie es sich indes musikalisch gemütlich gemacht und erzählt uns ihre weisen, stets mit den wundervollsten Worten bedachten Geschichten. „For The Young“ komplementiert das Gesamtwerk einer Ausnahmekünstlerin, die ohne Zweifel zu den talentiertesten Songwritern ihrer Generation zählt und die sich mit jener Platte einen intensiven Moment des Ausatmens und Reflektierens gönnt.

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