REVIEW: Hooverphonic „In Wonderland“

Die Geschichte der Belgier Hooverphonic liest sich wie die vieler ihrer Genrekollegen, weist aber allem voran große Ähnlichkeiten zu der der nicht minder bekannten, britischen Formation Morcheeba, die sich jüngst auf ihre Mitglieder Skye and Ross dezimierte, auf. Im Zuge des Trip-Hop-Booms Mitte der Neunziger werden beide Bands vom tiefsten akustischen Underground an die Oberfläche des Mainstreams gespült. Auch wenn sie sich in der Folge mehrfach gegen ihre Trip-Hop-Zugehörigkeit aussprechen, interessiert das die Hörerschaft recht wenig und so adelt diese die jeweils ersten ein, zwei Alben der Gruppen, neben Werken von Massive Attack oder Portishead, als wichtigste Wegbereiter jener Musikrichtung. Hinzukommt, dass beide Bands zwei extrem erfahrene Musiknerds – im Fall von Hooverphonic den Bassisten und Produzenten Alex Callier und seinen Kollegen Raymond Geerts – als Herzstücke ihres Wirkens und einen recht hohen Verschleiß an Leadsängerinnen aufweisen. Und als wäre das alles noch nicht genug, ähneln sich Morcheeba und Hooverphonic dann auch noch in ihren Versuchen, sich in Krisenzeiten musikalisch komplett neu zu erfinden. So veröffentlichen Morcheeba 2008 mit „Dive Deep“ eine Platte, die neben mehreren Gastsängern auch einen extrem markanten stilistischen Bruch aufweist, was ihnen Hooverphonic acht Jahre später mit „In Wonderland“ gleichtun.

In WonderlandVermutlich wäre der orchestrale, gleichzeitig aber auch zunehmend dem Pop zugewandte Einschlag, der sich auf Hooverphonics letzten drei LPs abgezeichnet hatte, spätestens mit einer weiteren Veröffentlichung derart ausgereizt gewesen, dass auch konzeptionelle Versuche, wie zuletzt das Aufnahmeexperiment in mehreren Fanhäusern, die Reputation Hooverphonics nicht mehr hätten retten können. Sich dieser Tatsache scheinbar bewusst, entschieden sich Callier und Geerts, ihr neustes Album kompromisslos um die eigenen auditiven Ideen entstehen zu lassen, anstatt sie wieder und wieder Noémi Wolfs Stimmfarbe und Art zu Singen anzupassen. Als frischer Wind weht dieser Ansatz nun durch „In Wonderland“ und verleiht der Platte einen Glanz, der bereits die erste Singleauskopplung „Badaboom“ in Belgien zum Hit werden ließ. Ohne Noémi Wolfs, dafür aber mit einer ganzen Entourage an in Deutschland eher weniger bekannten Künstlern wagen sich Hooverphonic zurück in den Schoß der cineastischen Kompositionen, für die das Publikum sie einst liebte. Dennoch besitzt „In Wonderland“ einen ganz eigenen Charme, was sicherlich auch dem Fakt geschuldet ist, dass jeder Song zusammen mit den jeweiligen Kollaborateur entstand und selbstbewusst sein Eigenleben entwickeln durfte. Während Tracks wie das titelgebende „In Wonderland“ oder „Thin Line“ durchaus an „The Magnificent Tree“ (2000) oder „More Sweet Music“ (2005) erinnern mögen, eröffnen „Praise Be“, „Hiding In A Song“, „Cocaine Kids“ und einige andere Tracks ungeahnte Perspektiven, und zwar nicht nur aufgrund der vorhandenen männlichen Gesangspassagen, die man von Hooverphonic bis dato kaum kannte. „In Wonderland“ verpasst Hooverphonic neuen Drive und zeigt, dass Alex Callier und Raymond Geerts es noch immer mit ihren jungen Kollegen aufnehmen können. Nein, ihnen sogar noch immer eine gute Nase breit voraus sind.

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