REVIEW: Ocoeur „Reversed“

OcoeurMusik ist wie ein Filter. Ein Filter, der es uns erlaubt, ein und dieselbe Situation auf tausend unterschiedliche Arten zu betrachten. Plötzlich wird die tägliche U-Bahn-Fahrt zur mysteriösen Reise durch ein Paralleluniversum, die Wolken am Himmel verändern ihre Form und erzählen Geschichten und in den Gesichtern der Menschen lassen sich Züge erkennen, die sonst oft in der Flüchtigkeit des Augenblicks verloren gehen. Mit den richtigen Klängen im Ohr können wir mental einen Gang zurückschalten oder ganz bewusst an Tempo zulegen. Du bist, was du hörst, lautet dabei die Devise. Für alle Träumer, die nicht müde werden, einzig aus dem Fenster zu schauen und sich daran zu erfreuen, wie Sonnenstrahlen über die Dächer tänzeln, sich an deren Kanten brechen und von Schatten gefressen werden, ist die Musik des Franzosen Franck Zaragoza alias Ocoeur wie geschaffen. Der in Bordeaux ansässige DJ und Soundtüftler veröffentlicht heute mit „Reversed“, nach „Light as a Feather“ und „A Parallel Life“, sein bereits drittes Album auf dem US-amerikanischen Label n5md.

ReversedStärker als auf den beiden Vorgängeralben rückt Ocoeur auf „Reversed“ das Piano in den Fokus der Aufmerksamkeit. Noch nie nahm das Tasteninstrument derart viel Raum ein, wie es bei Stücken wie „Souffle“, „Time To Go“ oder „Progression“ der Fall ist. Begleitet von zarten elektronischen Impulsen entspinnen sich so anmutige, stets instrumentale Tracks, die mehr auf Entschleunigung denn Effekthascherei setzen. Hinzukommt eine fast schon eisige Melancholie, welche in „Timeless“ ihren Höhepunkt findet. Doch anstatt sich abwenden und der von den zehn Stücken ausgehenden Kälte entfliehen zu wollen, ist man als Hörer stets geneigt, die tiefgründige Schönheit der dargebotenen Titel zu erkunden. Als stünde man vor einem riesigen Eisberg, aus dessen Innerem ein sanftes Leuchten hervordringt – ein Bild, das auch Franck Zaragoza im Kopf gehabt haben könnte, als er das Artwork zu „Reversed“ erdachte. An der Schnittstelle von IDM, Ambient und Neo-Klassik platziert Ocoeur ein Werk voller Wahrhaftigkeit und Anmut, das rührt, ohne dabei mit dem Vorschlaghammer vorgehen zu müssen.

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