REVIEW: PJ HARVEY „The Hope Six Demolition Project“

Als Musikredakteur wartest du eigentlich immerzu darauf, dass dir eine Platte zugeschickt wird, die dich vom Fleck weg umhaut. Bei der du dir schon nach wenigen Titel sicher bist, dass es sich bei ihr um das Album des Jahres handelt. 2016 scheint diesbezüglich ein wenig Anlaufschwierigkeiten zu haben. Obwohl bis dato sicher ein paar spannende Tonträger erschienen sind, bei denen allem voran Newcomer zu glänzen wussten, fehlt noch immer der ganz große Wurf in Richtung akustischer Unsterblichkeit. Was könnte da also vielversprechender sein, als die neuste Veröffentlichung einer wahren Alternative-Legende und zweifachen Merury Prize-Gewinnerin, die mit ihrem letzten Album zweifellos eine der besten LPs aller Zeiten abgeliefert hat? Polly Jean Harvey ist zurück und inszeniert mit „The Hope Six Demolition Project“ erneut ein Werk, das sich gegen die Regierungen und Machthaber dieser Erde erhebt und mit kritischem Finger auf die Hinterlassenschaften deutet, die ihre Handlungen und korrupten Entscheidungen zur Folge haben. Dabei beschränkt sich die 46-jährige Humanistin jedoch dieses Mal nicht mehr nur auf ihre Heimat, das British Empire, dem sie 2011 das Konzeptalbum „Let England Shake“ widmete, sondern zieht wütend, entsetzt, aber auch interessiert, um den gesamten Globus und macht Zwischenhalt in Afghanistan, dem Kosovo und den Vereinigten Staaten.

The Hope Six Demolition ProjectAnstatt für die Recherchearbeiten Bücher und andere Geschichtszeugnisse zu studieren, war es PJ Harvey beim Entstehungsprozess von „The Hope Six Demolition Project“ ein Bedürfnis, sich direkt an die Orte zu begeben, die sie später besingen würde. Und genau darin scheint das Erfolgsrezept des neunten Studioalbums der Songwriterin zu liegen. Denn nicht nur ihre Texte profitieren von all den Eindrücken, die sie auf jener Reise gesammelt zu haben scheint. Auch auf akustischer Ebene bekommt der Hörer die Möglichkeit, Harvey an die Schauplätze von „The Hope Six Demolition Project“ zu begleiten – sei es durch eingefangene Fieldrecordings, wie im Endtrack „Dollar, Dollar“, oder die Art und Weise, wie sich E-Gitarren, Bläserchöre und Schlagzeugbeats zu einem gewaltigen Ganzen auftürmen. Rauer und aggressiver als sein Vorgänger setzt die Platte auf Ungeschöntheit als Stilmittel. Besser hätte PJ Harvey wohl nicht an den Erfolg von „Let England Shake“ anknüpfen können. Und so tritt „The Hope Six Demolition Project“ selbstbewusst aus dessen Schatten und gibt die Sicht auf eine der letzten wirklich aufopferungsvollen Musikerinnen unserer Zeit frei.
Was bleibt nun noch zu sagen? Wir denken, wir haben sie gefunden, jene Platte, die uns nicht nur 2016, sondern auch in Zukunft begleiten wird. Eine Platte, die zum Mahnmal wird. Eine Platte, die wir getrost als künstlerisches Meisterwerk bezeichnen können, ohne im nächsten Atemzug kritisch hinterfragen zu müssen, wie viel Herzblut wohl während der Produktion geflossen sei. Das können wohl am besten die Besucher des Somerset House in London bewerten, in dem man Harvey und ihr Team während der Aufnahmen zu „The Hope Six Demolition Project“ hinter einer Glasscheibe beobachten konnte.

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