REVIEW: Drangsal „Harieschaim“

DrangsalEin Phänomen! Nichts anderes als Applaus gebührt dem Musiker Max Gruber alias Drangsal und seinem Team. Mit fast schon unverschämter Dreistigkeit hat die Truppe in den letzten Wochen und Monaten den Mainstream unterwandert und ihn mit seinen eigenen Waffen geschlagen. So erkor Drangsal beispielsweise Jenny Elvers medienwirksam und passend zum alljährlichen Dschungelwahnsinn, dem im Januar 2016 schließlich auch die ehemalige Skandalnudel verfallen war, als Protagonistin im Video zu seiner ersten Singleauskopplung „Allan Align“ aus. Passt nicht zu einem aufsteigenden Rockstar? Möchte man meinen! Nur zog diese Entscheidung eine breite Berichterstattung nach sich und sollte nicht der letzte kluge Schachzug innerhalb der Promotionstrategie des aus der pfälzischen Provinz stammenden Musikers bleiben. Es folgten geschickt eingefädelte Internetauftritte, von Zuckerbrot und Peitsche durchzogene Facebookposts, die Entsendung Drangsals zum eh schon oft verspotteten Musikpreis ECHO, dem er als auserkorener Backstagereporter mit ausgestrecktem Stinkefinger seine Ehre zollte, und nun endlich auch die Veröffentlichung seines lange erwarteten Debüts „Harieschaim“, das mit dem alten Namen seiner Heimatgemeinde Herxheim – klingt immerhin schön mysteriös – betitelt wurde. Drangsal scheint bis dato alles richtig gemacht zu haben. Er konnte die Musikgazetten genauso im Sturm erobern wie Hörer aus allen nur vorstellbaren Ecken und Enden unserer Republik. Als Wunderkind der Retromanie gefeiert – denn wirklich neu ist das, was Drangsal da auf „Harieschaim“ klangtechnisch zusammengeschustert hat, nicht – betritt er selbstbewusst den ihm zur Verfügung gestellten Thron und lässt Großes hoffen. Doch kann sein Erstlingswerk all den übermäßigen Erwartungen auch gerecht werden? Ja und nein.

HarieschaimProduktionstechnisch glänzt „Harieschaim“ durch eine melodiöse Rotzigkeit im Stil von Joy Division, The Cure oder Depeche Mode. Hinzukommen ausgefeilte Texte, die von einer gewissen Reflexionsfähigkeit und Reife zeugen, und eine Stimme, die gleichermaßen rebellisch wie schmerzbrüskiert klingt. Ohne Weiteres könnte man mit Songs wie „Do The Dominance“ oder „Love Me Or Leave Me Alone“ in die Vergangenheit reisen und sie in den Clubs der Achtziger dem hungrigen Partyvolk entgegenschmettern, doch resultiert aus dieser Tatsache eben auch die Kritik an „Harieschaim“: Der Platte fehlt es an Eigenständigkeit und Innovationskraft. Sie mag zwar perfekt zu der Welle an Zukunftsverweigerung, die unsere jüngeren Generationen fest im Griff hat, passen und lässt sich auch hervorragend auf den wieder hervorgekramten, stark ikonisierten Plattenspielern und ihren Kollegen, den Kassettenrekordern, abspielen, doch bleibt die Frage im Raum stehen, weshalb man stattdessen nicht einfach zu einem Album der bereits genannten Wegbereiter von New Wave und Post-Punk greift. Den Ansatz einer Rechtfertigung liefert „Will Ich Nur Dich“, das die Stärken deutschsprachiger Musik fern von Helene Fischer und Co. unterstreicht, und auch in der Passion, mit der Drangsal das Erbe seiner Kindheitshelden behutsam ins Hier und Jetzt transferiert.
Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass man „Harieschaim“ seine Daseinsberechtigung keineswegs absprechen kann. Drangsal führt uns damit eindrucksvoll vor Augen, dass auch hinter einem vermeintlichen Milchbubengesicht ein echter Rabauke stecken kann, der es versteht an den richtigen Strippen zu ziehen, um sein Ziel zu erreichen.

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