REVIEW: Anohni „Hopelessness“

Es kommt nicht allzu oft vor, doch manchmal sitzt man als Rezensent eines Albums vor seinem Computerbildschirm und spürt förmlich, wie das Nervenkostüm mit jedem neuen Aufleuchten des Cursors zunehmend dünner wird. Woran das liegt? In beschriebenen Fällen meist daran, dass eine Platte zu übermächtig wirkt, als dass man der Überzeugung wäre, man könne ihr mit wenigen Worten gerecht werden. Nachdem wir PJ Harveys „The Hope Six Demolition Projekt“ vor wenigen Wochen das Zeug zur Platte des Jahres attestierten, gerieten wir nun ins Straucheln und mussten feststellen, dass mit Anohnis „Hopelessness“ eine mehr als starke Konkurrenz am Horizont erschienen ist. Dabei lagen die Zeichen schon länger direkt vor unseren Augen und Ohren – wir hatten sie nur bisher nicht richtig gedeutet. Zugegebener Maßen war Anohnis erste Singleauskopplung „4 Degrees“ in der Flut an täglichen Releases ein wenig an unserer Redaktion vorbeigerutscht, doch als Naomi Campbell sich dann im Video zur Nachfolgesingle „Drone Bomb Me“ leichtbekleidet, sowie von allerhand spannender Symbolik umgeben, auf einem elektrischen Stuhl räkelte und dazu ein Gemisch aus düsteren Dance-Beats und der extravaganten Stimme der transsexuellen Sängerin Anohni zu vernehmen war, spätestens da hätten wir doch erkennen müssen, was da auf uns zugerollt kommt. Um ehrlich zu sein, brauchte es aber noch neun weitere Stücke, bis wir zu der finalen Einsicht gelangten, dass Anohnis „Hopelessness“ die Welt tatsächlich nachhaltig verändern könnte.

HopelessnessDie eigene Komfortzone zu verlassen, das an sich verlangt schon Mut. Wenn dann aber auch noch ein Identitätswechsel hinzukommt, der von jedermann beäugt und begutachtet wird, verdient das vollsten Respekt. Bereits als Antony Hegarty wurde Anohni von ihren Kollegen und der Presse zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten innerhalb der Musikbranche erklärt. „Hopelessness“ unterstreicht den Wahrheitsgehalt dieser Einschätzung. Dass von einer Platte mit einem solchen Namen textlich keine schillernde Bilderbuchwelt zu erwarten sein würde, das mag noch recht offensichtlich sein. Dass Anohni darauf aber mit schwärzestem Sarkasmus sämtliche kritische Themen unserer Gesellschaft aufrollt, damit war dann doch wieder nicht zu rechnen. Nur mag es Anohni eben, zu überraschen und auch zu provozieren. Und so besingt sie in gewohnt theatralischer Art Exekutionen, die globale Erwärmung, gewalttätige Männer, Bombenangriffe und widmet Everbody‘s Darling, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Barack Obama, eine wenig glanzvolle Hommage, in der sie offen seine Politik anprangert. Statt fragiler Klavierkompositionen, wie man sie vielleicht noch von ihrem Debüt „Antony And The Johnsons“ (2000) oder „I Am A Bird Now“ (2005) gewohnt war, stellt Anohni ihren auditiven Mahnmalen dieses Mal flirrende Discosounds zur Seite, welche die Botschaften der elf Tracks nur umso stärker kontrastieren. Hilfe gab es bei der Produktion der Tracks von den Electro-Koryphäen Hudson Mohawke und Oneohtrix Point Never. Zusammen öffnete das Trio die akustische Büchse der Pandora und ließ die Hoffnungslosigkeit auf die Menschheit los. Vermutlich wird dieser heftige musikalische Umschwung nicht all ihren Fans gefallen. Wer allerdings Anohnis Kollaborationen mit Künstlern wie Hercules and Love Affair, Björk oder CocoRosie mochte, der dürfte von Stücken wie „Violent Man“ oder „Marrow“ geradezu betört sein.
Mit einer Wucht, die Woodkids „The Golden Age“ locker in den Schatten stellt, und einer souligen Emotionalität, die selbst einer Aretha Franklin imponieren dürfte, vollzieht Anohni auf „Hopelessness“ den Wandel vom gefeierten, androgynen Gospelkönig hin zur gesellschaftskritischen Stroboskopdiva.

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