REVIEW: Elise Mélinand „Apophyllite“

Elise MélinandDie Lichtbrechung gehört eindeutig zu den faszinierendsten der physikalischen Phänomene. Plötzlich wird aus etwas Ungreifbarem wie Lichtwellen, etwas, das sich definieren und beschreiben lässt. Abstrakte Teilchen verwandeln sich in klare, symmetrische Muster. Besonders beeindruckend sind die daraus resultierenden Bilder, wenn man sie mithilfe von Kristallen erzeugt. Zum Beispiel den sogenannten Apophylliten. Auch die Französin Elise Mélinand, die 2013 mit ihrem Debütalbum „Gray Hoodie“ erstmals international auf sich aufmerksam machte, kann sich der Anziehung jener Silikate scheinbar nicht entziehen. Immer wieder sucht sie in den Tiefen der Apophylliten nach neuen Geheimnissen und lässt sich von ihrer Anmut inspirieren, und zwar derart, dass sie sich dazu entschied, ihr Zweitwerk nach ihnen zu benennen. „Apophyllite“ heißt dieses folglich und ist genauso mysteriös und vielschichtig wie seine Namenspaten. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten entstanden die zehn darauf zu findenden Tracks im Herzen Frankreichs, allem voran der Hauptstadt Paris. Mélinand lud Verwandte und Freunde ein, teil an der Entstehung der Platte zu haben. So stammen beispielsweise einige der Songtexte aus fremden Federn, es gibt Gastbeiträge und auch bei den Aufnahmen selbst verließ sich die hübsche Französin auf die Zusammenarbeit mit einem Team aus ihr vertrauten Musikern, die ihre Ideen mit höchster Sensibilität umsetzten.

ApophylliteZeichnete sich „Gray Hoodie“ – in bester DIY-Manier – noch recht stark durch den Einsatz computergenerierter Sounds aus, baute Elise Mélinand „Apophyllite“ hingegen auf einem sehr organischen Fundament auf. Zwar komponierte sie Songs wie „All I Want“ oder „O, Ma“ vorab auf ihrem Laptop und experimentierte dabei mit einzelnen Spuren herum, doch reinszinierte sie sie im Anschluss neu, hin zu imposanten Studioversionen. Dabei half der Multiinstrumentalistin ihr Gespür für verschiedene Instrumente und die Beschaffenheit ihrer Klänge. Die Mischung aus dem organischen Flair all der Streicher, Blasinstrumente, Trommeln, Mélinands Gitarrenspiel und den starren, virtuell erzeugten IDM-Elementen verleiht „Apophyllite“ einen avantgardistischen Charakter. Pickt man sich beispielsweise den Track „Pandore“ heraus, der mit einer sanften Melancholie beginnt und dann zunehmend an Optimismus gewinnt, während Mélinand zu einem entzückenden, französischen Rap ansetzt, fragt man sich als Hörer schnell, ob man so etwas überhaupt schon einmal gehört habe. Tatsächlich liegt die Assoziation zu Landsmännin Émilie Simon recht nahe, wobei dies vor allem der geteilten, extravaganten Art zu Singen und ähnlichen Stimmfarben geschuldet ist. Was die zugrundeliegenden Kompositionen von „Apophyllite“ betrifft, beschreitet die Anfang Zwanzigjährige allerdings sehr individuelle und innovative Wege – wenngleich mit klarer klassischer Fußnote. So lässt es sich hervorragend im Walzertakt von „Maddalena“ oder der Weitläufigkeit des Endtracks „Amarioarei“ verlieren. Letzterer enthält dabei Fragmente eines deutschsprachigen Gedichts, die sich mithilfe von Mélinands Gesang sowie einer spannungsvollen Instrumentierung zu einem würdigen Finale auftürmen. „Apophyllite“ ist ein intimes und anrührendes Album par excellence.

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