REVIEW: Crystal Castles „Amnesty (I)“

Crystal Castles by Ari DAus und vorbei. Als Alice Glass im Oktober 2014 ihren Ausstieg bei Crystal Castles bekannt gab, schienen etliche Fans für einen kurzen Moment den Atem anzuhalten. Am vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere verlor das kanadische Duo plötzlich Stimme und Gesicht, was Glass in einem Facebook-Post sogar mit dem Ende von Crystal Castles gleichsetzte. Schnell folgte jedoch ein offizielles Statement des Managements, in dem beteuert wurde, dass die Band auch ohne Margaret Osborn, wie Glass mit bürgerlichem Namen heißt, weiter existieren würde, schließlich sei es seiner Zeit auch Ethan Kath gewesen, der das Erfolgsprojekt gestartet und es in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt hatte. Dennoch blieb ein bitterer Beigeschmack zurück, denn eine Frontfrau wie Glass, die durch ihre Exzentrik und Eigenart die Mengen in ihren Bann zog, zu verlieren, kam einem mehr als schlechten Omen gleich. Es blieb eine klaffende Wunde zurück, bei der wohl die wenigsten glaubten, dass Kath diese jemals würde stillen können. Und während die Hypemaschinen, die Crystal Castles einst zum Next Big Thing der elektronischen Musik auserkoren hatten, von dannen zogen und sich auf neue Hoffnungsträger fokussierten, arbeite Kath an seinem Meisterplan. Bereits wenige Monate nach Glass spektakulärem Ausscheiden präsentierte er eine neue Frau an seiner Seite: Edith Frances.

Amnesty (I)Seltsamerweise bemerkten viele Hörer, die den dramatischen Eklat um das Auseinanderbrechen der Crystal Castles nicht verfolgt hatten, überhaupt nicht, dass die beiden 2015 veröffentlichten Tracks „Frail“ und „Decide“ keine Zeugnisse der gewohnten Bandformation mehr waren, hatte Kath in Frances doch eine Art Klon für Glass gefunden – sowohl optisch als auch stimmlich. Das positive Feedback auf die Songs ließ schließlich nicht nur in Kath die Hoffnung aufkeimen, dass es doch noch eine Zukunft für eine der revolutionärsten Electrobands der 10er-Jahre geben könnte. Das Studioalbum „Amnesty (I)“ legt nun den Grundstein für die zweite Ära der Crystal Castles und featuret neben dem bereits bekannten „Frail“ elf weitere Stücke. Von dem hypnotischen Opener „Femen“ eingeläutet, dem die Band einen bizarren Clip mit halb toten, in Zäunen verfangenen Vögeln auf ihren Social-Media-Kanälen beigestellt hatte, entfesselt „Amnesty (I)“ schnell den gewohnten Drive, der schon „Crystal Castles“ (2008), „Crystal Castles (II)“ (2010) und „Crystal Castles (III)“ (2012) zu echten Clubstürmern gemacht hatte. Ohne allzu große Risiken einzugehen, bauen Kath und Frances die Platte auf dem auf, wofür die Crystal Castles schon zu Zeiten von Glass gestanden hatten: Einer Mischung aus bittersüßem Synthie-Pop und fiebrigem Witch House. Die kurz aufgeflammte Angst um den Niedergang der Band täuscht indes ein wenig über die Tatsache hinweg, das „Amnesty (I)“ nur recht dezente, kaum merkliche Soundweiterentwicklungen zu bieten hat. Zu groß ist die Freude, wieder eine Platte der Kanadier in den Händen halten zu können.
„Amnesty (I)“ reiht sich nahtlos in die Diskografie der Crystal Castles ein, liefert mit Titeln wie „Char“ oder „Ornament“ spannende Ohrwürmer ab und verankert in diesen seine Berechtigung als legitimer Reload für das Projekt.

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