REVIEW: SOHN „Rennen“

sohn-by-phil-knottWie vieles im Leben birgt auch der Prozess des Aufräumens zwei Seiten. Sich von Dingen zu trennen kann zwar sehr heilsam sein, da plötzlich Raum für neue Gedanken und Ideen entsteht, wir uns entlastet und befreit fühlen, andererseits ist an diesen Vorgang aber auch immer ein ordentliches Stück Arbeit geknüpft, bei dessen Bewältigung der ein oder andere schnell an die Grenzen seiner Belastbarkeit gerät – Angst vor Ungewissheit und Leere inklusive.
Als Christopher Taylor mit seinem Projekt Trouble Over Tokyo bekannt wurde, schätzen ihn seine Hörer vor allem für seine ausladende Dynamik und den Hang zum Pop, der seinen Kompositionen innewohnte. Plakativ, überzeichnet und doch immer speziell genug, um neben den Massen auch die Kritiker zu begeistern, feierte Trouble Over Tokyo weltweit Erfolge. Doch waren diese nichts gegen das, was folgen sollte, als sich Taylor dazu entschied, eine tonale Diät durchzuführen und mit neuem Pseudonym in die Musikszene zurückzukehren. Im Sturm eroberte SOHN die Herzen des Publikums und für Taylor begann eine nervenaufreibende Zeit, in der ihn das öffentliche Interesse beinahe zu verschlucken drohte. Der Druck wuchs und alle Welt forderte lauthals nach einem Nachfolger für das mehrfach ausgezeichnete Debüt „Tremors“.

rennen„Rennen“ führt die akustische Entschlackungskur, die Taylor auf „Tremors“ begann, konsequent fort und zelebriert einen dunklen Exzess, der schon fast etwas Selbstzerstörerisches an sich hat. Songs wie „Conrad“, „Signal“ oder „Primary“ kennen weder Genre- noch Wirkungsgrenzen und erobern binnen kürzester Zeit das Unterbewusstsein ihrer Zuhörer. Auch Taylor selbst war überrascht von dem Mut, den er auf seiner zweiten SOHN-Platte aufbringen konnte. Anstatt viele seiner Songentwürfe an andere Künstler weiterzugeben, wie er es in der Vergangenheit oft getan hatte, aus der Überzeugung heraus, sie würden nicht zu ihm passen, entschied er sich dieses Mal dafür, es bei Tracks wie „Hard Liquor“ auf einen Versuch ankommen zu lassen. Und dieser Versuch zahlt sich aus. Selbstbewusst kämpft sich SOHN durch verschiedenste Felder des Electronica-Genres, ohne dabei auch nur den Hauch an Anmut zu verlieren. Gleichzeitig hinterlässt der gebürtige Londoner ein finsteres Netz aus Dub-, R’n’B- und Downtempo-Einflüssen, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Dass Taylor auch als Produzent tätig ist, verleiht „Rennen“ einen sehr perfektionistischen und äußerst markanten Schliff. Die einzelnen Beats, Melodien und die eindringlichen Gesänge sind perfekt aufeinander abgestimmt und in bester Manier zusammengefügt. So wird „Rennen“ zu einem Album, das von der ersten bis zur letzten Sekunde begeistert. Offensiv, emotional und an den richtigen Stellen zurückhaltend.

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