REVIEW: Gorillaz „Humanz“

2016 waren es Radiohead, die mit den Promotionstrategien zu ihrem Album „A Moon Shaped Pool“ neue Maßstäbe in Sachen Nutzung virtueller Ressourcen setzen. Ein paar Monate später sägen nun aber Damon Albarn und seine Gorillaz beharrlich an dem Thron der Oxforder Alternative-Rocker, um so den Wanderpokal für die medienwirksamste Veröffentlichungsinszenierung nach Hause zu holen. Damit dies auch gelingt, wurde an allen Ecken und Enden gehörig investiert: Eine Pre-Listening-Show in London, deren Austragungsort lange geheim gehalten wurde, aufwendig produzierte Teaservideos mit den Mitgliedern der bekanntesten virtuellen Formation der Welt, eine eigens entwickelte App, ein Festival, das binnen von Minuten ausverkauft war, und ein Live-Event namens „Spirit House Experience“, welches vom 28. bis 30. April in den Städten New York, Amsterdam und Berlin stattfinden wird. Gleichzeitig schmücken die Konterfeis von Stuart „2D“ Pot, Murdoc Niccals, Noodle und Russel Hobbs die Titelblätter sämtlicher wichtiger Musikmagazine. Es scheint, als wäre der Erfolg der neuen Gorillaz-Platte „Humanz“ schon garantiert, noch bevor diese offiziell erschienen ist. Eigentlich sollte dies nicht verwundern, ist das Interesse an den Gorillaz doch auch zwei Dekaden nach ihrer „Gründung“ noch immer ungebrochen. Dies ist nicht nur der bahnbrechenden Idee einer Comicband, sondern auch den Erfolgsalben „Gorillaz“ (2001), „Demon Days“ (2005) und „Plastic Beach“ (2010) sowie zahlreichen Side-Releases zu verdanken. Doch hält auch „Humanz“ einer kritischen Auseinandersetzung stand?

Fern aller Hypes gelangen wir zu der Erkenntnis, dass sich „Humanz“ leider als die bisher größte Enttäuschung des Musikjahres 2017 entpuppt. Vielleicht mag es an unseren übermäßigen Erwartungen oder der kaum zu leugnenden Vorfreude liegen, doch auch nach mehreren Hördurchgängen sind wir schlichtweg geknickt. Die Gorillaz haben sich in eine Richtung entwickelt, die zwar den zeitgenössischen Geschmack bedienen mag, insgesamt jedoch nichts mehr mit der Raffinesse gemein hat, die dieses Projekt zu einer einzigartigen Erscheinung in der Liga der außergewöhnlichen Genre-Grenzgänger machte. Fast schon banal wirkt der Hip-Hop-House-Einheitsbrei, den Damon Albarn, mit einer Armada aus prominenten Gastkünstlern im Rücken, da auf die Beine stellt – und zwar auf Kosten seiner beziehungsweise 2Ds Gesangsparts. Diese sind auf „Humanz“ genauso rar gesät, wie der sarkastische Unterton, den die Vorgängeralben allesamt zu verbreiten wussten. Stattdessen wird der typische Gorillaz-Sound bereitwillig einer Inszenierung geopfert, die mit allen Mitteln auf Gefälligkeit setzt. Selbst das ambitioniertere, düster melancholische Quartett der Tracks „Carnival (feat. Anthony Hamilton)“, „Sex Murder Party (feat. Jamie Principle & Zebra Katz)“, „She’s My Collar (feat. Kali Uchis)“ und „Hallelujah Money (feat. Benjamin Clementine)“ gegen Ende der Platte kann über diesen Eindruck nicht mehr hinwegtrösten. Zu tief sitzt der Schock, dass der Soundtrack unserer Jugend verstummt zu sein scheint – nein, vielmehr von einer akustischen Achterbahn überfahren wurde. Eigentlich schade, wenn man bedenkt, dass Damon Albarn mit seinem letzten Solowerk „Everyday Robots“ und der Blur-Reunion „The Magic Whip“ zuletzt zwei wirklich großartige LPs auf den Markt gebracht hatte. Die Gorillaz hingegen lässt er zu einer Persiflage ihrer selbst verkommen. Auf „Humanz“ gipfelt das tragische Schauspiel in einem Finale, das wir bei aller auditiver Affenliebe keinesfalls ernst nehmen können. Deplatziert und flach, wie eine Flunder am Meeresgrund, hinterlässt „We Got The Power“ einen bitteren Nachgeschmack. Was ist nur aus der Band geworden, die uns einst großartige Songs wie „Clint Eastwood“, „Feel Good Inc.“ oder „Stylo“ bescherte?

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