REVIEW: Billie Eilish „Happier Than Ever“

Mit Authentizität zum Erfolg: Billie Eilish braucht keine Maskerade. Auf „Happier Than Ever“ verabschiedet sie sich von Selbstzweifeln und tauscht diese gegen neu gewonnenen Mut ein.

Sie hat es geschafft. Mit gerade einmal 19 Jahren thront Billie Eilish Pirate Baird O’Connell auf dem Olymp der Pop-Branche. Als sanftmütige Gallionsfigur, unaufgeregte Heldin einer heranwachsenden Generation. Weder Furie, noch narzisstische Göttin. Billie gibt ihren Hörer*innen das Gefühl, eine von ihnen zu sein. Eine mal schüchternere, mal besonnenere Traumtänzerin, die in einer Welt des Werteverfalls für zwischenmenschliche Achtung, Body Positivity und Klimaschutz zu stehen versucht. Trotz ihres beachtlichen Erfolges – inklusive eines Nummer-1-Debüts, mehrerer Grammys und eines Bond-Songs – scheint die US-Amerikanerin auf dem Teppich geblieben zu sein. Was tatsächlich eine beachtliche Leistung darstellt, wenn man bedenkt, dass die Öffentlichkeit jeden Schritt, den sie tut, beobachtet und kommentiert. Die Erwartungen, die dabei an Billie Eilish herangetragen werden, sind gigantisch. Und nun ist es da. Das gefürchtete zweite Album. Jene schicksalhafte Veröffentlichung, die schon bei vielen ihrer Kolleg*innen über Sieg oder Niederlage entschieden hat. Doch so viel darf verraten sein: Das metaphorische Damoklesschwert dürfte „Happier Than Ever“ für Billie nicht darstellen. Vielmehr ein klares Statement, das jedweder Hype gerechtfertigt war. Dass man auch ohne brodelnde Skandale, mit Talent und Eifer ein Publikum für sich begeistern kann. Vielleicht mag es an der positiven Grundeinstellung liegen, die sie zum Titel der Platte erklärt hat, jedenfalls wirkt „Happier Than Ever“ losgelöst von jedwedem Druck. Das tut der LP gut. Genüsslich ergießt sich Billie Eilishs ätherischer Gesang über sage und schreibe 16 Songs, von denen sich ein Großteil wohl am besten als bittersüße Downtempo-Balladen charakterisieren lässt. Nur selten drückt die aus Los Angeles stammende Songwriterin wirklich auf‘s akustische Gas. Am ehesten noch bei „Oxytocin“, „NDA“ oder dem namensgebenden „Happier Than Ever“ – das in einer Schlagzeug- und E-Gitarren-Kaskade gipfelt. Der Rest der Tracks zieht seine Stärke aus eindringlich gehauchten Gesangspassagen und einer akzentuierten Dark-Pop-Ästhetik, die auf das Produktionsgeschick von Billies Bruder zurückgeht. Wie schon zu Beginn ihrer Karriere, als das heimische Schlafzimmer noch als Studio herhalten musste, verlässt sich Billie Eilish auf die Devise „Blut ist dicker als Wasser“ und erschafft mit Finneas an ihrer Seite ein wunderbar intimes Album, das zeitlos ist, mit kleinen verspielten elektronischen Wendungen aufwartet und eine Musikerin präsentiert, die in der Mitte ihrer Kunst aufgeht wie eine Blüte im Sonnenlicht.  

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: