REVIEW: Adele „30“

Da werden die Songs plötzlich zur Nebensache: Adele ist zu einer derart massiven Sensation herangewachsen, dass es im Prinzip irrelevant ist, ob ihr neues Album „30“ künstlerisch überhaupt etwas zu bieten hat.

Es gibt Alben, um die kommt man einfach nicht herum. Vor allem nicht als Musikjournalist. Widmen wir uns also dem sprichwörtlichen Elefanten im Raum: Adeles „30“, das heute seine Veröffentlichung feiert. In der Vergangenheit brach die sympathische Londonerin mit ihren Singles und Longplayern sämtliche Rekorde, avancierte von der sympathischen BRIT-School-Absolventin zu einer der wichtigsten Sängerinnen der Gegenwart und begeistert mit ihrem vollmundigen Gesang seither Millionen von Fans. Jedes Interview, jede auch noch so kleine Information, die sie zu ihren Stücken oder ihrem Privatleben preisgibt, werden von der Öffentlichkeit kommentiert, seziert und so lange mit Bedeutungen vollgeladen, bis der eigentliche Gehalt völlig erstickt ist. Noch bevor es sich nun schlussendlich materialisierte und den Hörern zugänglich gemacht wurde, war bereits klar, dass auch „30“ zum Kassenschlager aufsteigen dürfte. Dass die LP weitere Grammy-Nominierungen und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch entsprechende Auszeichnungen für die mittlerweile 33-Jährige nach sich ziehen und keinesfalls an der Beständigkeit ihrer Ausnahmekarriere rütteln wird. Im Gegenteil. „30“ führt schon jetzt die Charts an. Doch muss man sich fragen, ob das an der Qualität der darauf befindlichen Stücke liegt, oder ob diese eh nur noch Mittel zum Zweck sind. Um es vorwegzunehmen: Adeles Stimme ist und bleibt eine Naturgewalt. Egal, ob ausschließlich von Klavier begleitet oder in opulentere Instrumentierungen gehüllt, ihr akustisches Organ lenkt sofort die Aufmerksamkeit auf sich und bleibt der eigentliche Star in der Manege. Stilistisch setzt die Mutter eines neunjährigen Sohns indes auf Altbewährtes. Wirkliche Ausreißer sucht man auf „30“ eher vergeblich. Stattdessen bekommt das Publikum vorwiegend jenen angejazzten Soul-Pop geboten, nachdem es immer wieder lauthals gefordert hat. Thematisch gleitet Adele derweil durch eine Palette an Themen, die irgendwie für jeden relevant sind (Liebe, Schmerz und die Suche danach, was man im Leben will), bei deren Ausschmückung es hier und da aber an raffinierter Erzählkunst mangelt. Wenn man – oder in diesem Fall Frau – fast nichts mehr falsch machen kann, dann wäre es tatsächlich spannender gewesen, miterleben zu können, wie Adele ihr begnadetes Talent an seine Grenzen führt. Stücke wie „Oh My God“, „All Night Parking“ oder „My Little Love“ deuten zwar eine gewisse Experimentierfreude an, innerhalb derer sich Miss Adkins als R’n’B-Diva versucht, nur bewegen sich auch diese Tracks in einem Spektrum, das keinesfalls überrascht und das zudem recht kalkuliert wirkt. Gipfeln tut die produktionstechnische Berechenbarkeit allerdings in einem anderen Song: „Can I Get It“, das mit seinem Gute-Laune-Folk-Anstrich ebenso aus der Feder Ed Sheerans hätte stammen können.
Zurückbleibt eine Platte, die bei vielen für euphorische Begeisterungsstürme und vielleicht auch kollektiv geteilten Herzschmerz sorgen mag, der aber gleichzeitig ein leicht generischer Beigeschmack anhaftet.

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