REVIEW: Simon Goff & Katie Melua „Aerial Objects“

Was haben Jazz, Pop, Electronica und Brutalismus-Architektur miteinander zu tun? Das untersuchen Simon Goff und Katie Melua auf „Aerial Objects“.

Zwischen manchen Menschen klickt es auf Anhieb. Sie verspüren schon nach kurzem Wortwechsel – oder manchmal sogar ohne, dass ein solcher erfolgt ist – eine tiefe Verbindung zueinander. Als Katie Melua Simon Goffs zweites Album „Vale“ (2021) hörte, war sie sofort von der akustischen Tiefe des Werks begeistert. Sie wusste, dass sie mit dem Violinisten und Komponisten zusammenarbeiten, dass sie ihn kennenlernen wollte. Auch, wenn die Jazz-Pop-Welt, in der sie mit ihren Songs beheimatet ist, ein Stück von Goffs neo-klassischer Postmoderne entfernt zu sein schien. Die beiden traten in Kontakt, Goff arrangierte eins der Stücke von Meluas letztem Album „No. 8“ für dessen alternative Version („Acoustic Album No. 8“) neu und während eines Besuchs der gebürtigen Georgierin in Berlin, verabredete man sich zu einem gemeinsamen Ausflug in die Galerie König. Die wiederum ist in einem imposanten expressiven Kirchenbau im Berliner Bezirk Kreuzberg beheimatet. Von der brachialen Kunst des brutalistischen Bauwerks überwältigt, verfielen Goff und Melua in einen kreativen Diskurs über Architektur und die Wirkung von Räumen auf den menschlichen Geist. Und hier kam über einen Umweg die Musik wieder ins Spiel. Denn auch diese ist in der Lage, Gedanken zu begrenzen, einzurahmen, ihnen Weite zu schenken oder Türen zu öffnen, wo wir keine vermutet hätten. Musik kann dezent und zurückgenommen sein, oder expansiv und platzeinfordernd. Mit ihrem Kollaborationsalbum „Aerial Objects“ ließen sich die beiden kreativen Köpfe auf die Fusion ihrer Stile ein, um damit etwas Größeres, etwas Dialektisches zu erschaffen und sich vollends in den von ihnen in ihrer Konversation aufgeworfenen Motiven zu verlieren – was ihnen zweifelsohne gelang. Meluas fragile und doch gleichzeitig starke Stimme passt hervorragend zu den filigranen, sich aber auch kontinuierlich ausdehnenden Klängen, die Goff mit seiner Geige und verschiedenen elektronischen Verzerrungen erschafft. Statt sich auch nur im Ansatz zu blockieren, potenzieren sich die Talente der beiden und verschlingen sich derart, dass man gar nicht auf die Idee kommen würde, dass sie einst getrennt waren. „Aerial Objects“ sollte lautstark in großen Hallen ertönen, um seine Gewalt erlebbar und die vielen zarten Details detektierbar machen zu können. Zur Not tun es aber auch eine Anlage oder ein paar qualitativ gute Kopfhörer. Verpassen darf man diese LP jedenfalls nicht.


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