REVIEW: Santigold „Spirituals“

Ufff! Santigolds „Spirituals“ ist alles andere als mainstreamtauglich geworden und genau dafür muss man dieses vor Einfallsreichtum nur so strotzende Meisterwerk feiern.

Sollte bei der Veröffentlichung eines neuen Albums der Anspruch bestehen, an alte Erfolge anknüpfen zu können? Natürlich möchten Musiker*innen von irgendetwas leben, ihre Miete und die Brötchen auf dem Frühstückstisch zahlen, doch dürfte es im Fall von Santigold per se schwierig werden, einen weiteren Überhit wie „Disparate Youth“ zu produzieren. Es gibt aber auch noch andere Gründe, die vermuten lassen, dass ihr viertes Studioalbum „Spirituals“ – das Mixtape „I Don’t Want: The Gold Fire Sessions“ (2018) nicht mitgezählt – vermutlich an der Schwelle des Mainstreams scheitern wird. Die LP ist zu progressiv, zu kantig, zu experimentell, als dass sie auf Anhieb zugänglich für eine breite Masse wäre. Diese „Qualität“ – oder auch Schwäche – braucht es aber, um die Streamingzahlen explodieren zu lassen und die Chartspitzen zu entern. Ist dies nun aber von Nachteil? Zumindest nicht, wenn es um Kreativität und Originalität geht. „Spirituals“ ist ein Werk, das man als interessierte*r Hörer*in vollends entdecken möchte – und auch kann, wenn man sich die entsprechende Zeit nimmt. So lohnt es sich, immer wieder zu Streifzügen durch die wuchernden Melodien und Rhythmen anzusetzen, wenngleich schon zu Beginn ein unstillbares Interesse auflodern dürfte, sich in der Komplexität von Santigolds genre-aufbrechender Stilistik verlieren zu wollen. Droht „Spirituals“ dann vielleicht die Überfrachtung? Keinesfalls! Wie sollen sich Themen wie Transformation, Transzendenz und Evolution – allesamt Hauptmotive auf „Spirituals“ – denn mit einer von vornherein begrenzten Palette an Einflüssen abbilden lassen? Santigold bedient sich einem Klangspektrum, das von Afro-Beats über Retro-Soul, Dancehall und PsychPop bis hin zu Hip-Hop und Indierock reicht. Jede einzelne Zutat hat dabei ihre Berechtigung und macht das Album zu dem, was es ist. Zu einem Hochgenuss. Gleichzeitig möchte „Spirituals“ ein Statement setzen. Santigold ruft ihre schwarzen Mitmenschen dazu auf, die aus dem Handeln unserer Gesellschaften resultierenden Grenzen zu hinterfragen und zu stürmen. Als Unterstützung schenkt sie ihnen mit „Spirituals“ eine Platte, die das Gut der schwarzen Kultur nicht nur bewahrt, sondern auch dessen Entwicklungspotenzial unterstreicht.


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