INTERVIEW: El Perro del Mar

Mit jedem neuen Album beschreitet Sarah Assbring alias El Perro del Mar auch klanglich neue Wege. Für „Big Anonymous“ wagt sich die Schwedin in die wohl dunkelsten Gefilde ihrer bisherigen Reise. Wir haben sie dorthin begleitet und Assbring ein paar Fragen gestellt.

Sarah, dein kreativer Geist scheint unerschöpflich zu sein. Was inspiriert dich?

Das Leben und die Zeit. Ich selbst und die Welt um mich herum. Die Herrlichkeit und der Schmerz. Dinge wie diese. Was das Herz zum Singen bringt. Danach suche ich immer und überall. Auch auf einer persönlichen Ebene. So geht das alles Hand in Hand.

Wenn man dein Debüt „El Perro del Mar“ und „Big Anonymous“ nebeneinander stellt, scheinen sie aus völlig verschiedenen Welten zu stammen.

Für mich nicht. Mein Debüt war vor allem ein Versuch, die Dunkelheit, mit der ich lange zu kämpfen hatte, so weit wie möglich von mir fernzuhalten. Das Leben und die Perspektiven in etwas Süßes und Überschaubares zu verwandeln, als sie es nicht waren. Textlich habe ich die Worte dafür in ihr absolutes Gegenteil transformiert. Mit „Big Anonymous“ habe ich es nun gewagt, mich der Dunkelheit, die mir schon immer nahe war, auf eine sehr ungefilterte Weise zu nähern. ich bin gereift, genau wie meine Musik. In vielerlei Hinsicht glaube ich, dass es das ist, was man hört. Für mich ist es dieses Düsterne und die Melancholie, die sich wie ein roter Faden durch meine Arbeit zieht. Ich denke, das macht mich aus. Es ist ein Teil von mir, dem ich in meiner Musik freien Lauf lasse, der aber im Alltag vielleicht schwieriger zu handhaben ist. Etwas, über das man nicht so viel spricht. 

„Big Anonymous“ ist eindringlich. Welche Absichten verfolgst du mit diesem Album?

Es entstand aus dem dringenden Bedürfnis heraus, mich mit den Menschen auseinanderzusetzen, die ich verloren habe, und mit der Trauer, die ich nur schwer überwinden konnte. Ich wollte Dialoge, die ich schon lange in meinem Kopf hatte, in Worte fassen, um zu sehen, ob das hilft. Ob es besser wird, wenn ich mit den Toten spreche. Ob ich ein bisschen Frieden finden würde und ob ich sie gehen lassen könnte. 

Wessen Idee war das Cover und inwiefern unterstützt es die Botschaften von „Big Anonymous“?

Ich hatte Träume und Visionen, die in ihrer Form dem Wesen auf dem Cover ähnelten, und mir wurde klar, dass es das ist, was mit unverarbeiteten Gefühlen und Erinnerungen passiert. Sie werden zu Kreaturen, voll von Unbekanntem und Unausgesprochenem. Zusammen mit meiner engen Mitarbeiterin Nicole Walker habe ich eine von ihnen zum Leben erweckt.

Vor ein paar Wochen warst du mit José Gonzales auf Tournee. Wie sind deine neuen Songs beim Publikum angekommen? Welche Reaktionen hast du bekommen?

Ich habe nur eine Show mit José in Berlin gespielt, aber es war wirklich toll. Es ist erstaunlich, weil ich über die Jahre viele Konzerte mit ihm gespielt habe. Eine meiner ersten Shows war vor langer Zeit auch als Opener für ihn. Die Reaktionen waren wirklich wunderbar. Die Leute scheinen die Stücke und die Idee dahinter zu mögen und zu verstehen, was mich sehr glücklich macht. 

Du gehst demnächst auf eigene Headliner-Tour, die dich auch nach Deutschland führen wird. Was erwartet uns?

Ich bin gerade in den USA auf Tour und komme im Mai nach Deutschland. Ich versuche, die Dramatik des Albums wiederzugeben. Für mich ist es wichtig, auf der Bühne das Gefühl eines anderen Raumes, einer anderen Welt zu erzeugen. Auch wenn die Bühne gewöhnlich oder klein ist.

In Berlin spielst du in den Hallen eines ehemaligen Krematoriums. Hast du dir diesen Ort bewusst ausgesucht?

Ich habe für dieses Album ganz gezielt nach bestimmten Venues gesucht, ja. Ich bin froh, dass ich im silent green Kulturquartier auftreten kann! Ein Krematorium klingt nach dem perfekten Ort. Es zu einem Schauplatz zu machen, an dem Stimmen auf verschiedene Weise miteinander sprechen, ist vielleicht der beste Weg, ihm und seiner Geschichte gerecht zu werden.

Du scheinst ein nachdenklicher Mensch zu sein. Wie siehst du unsere Welt?

Sie ist sehr dunkel und macht mir Angst. Ich denke oft an die Vergangenheit, in der es ähnlich war. Zum Beispiel vor dem Zweiten Weltkrieg, als viele Menschen für Menschlichkeit und Demokratie kämpfen mussten. Ich glaube, dass wir das jetzt auch tun müssen. Aber wir sind irgendwie betäubt von unserer Zeit, von der Zersetzung von Wahrheiten und Moral durch die sozialen Medien und das Internet im Allgemeinen. Wir benutzen das gern als Ausrede, um nichts ändern oder für das Richtige einstehen zu müssen. Darin liegt eine große Gefahr, und das macht mich traurig. Wie können wir die Dummheit um uns herum einfach gedeihen lassen?

Was wünschst du dir für die Zukunft? 

Dass die Menschen aktiv werden, aufstehen, ihre Stimme erheben und für Veränderungen kämpfen. Diese Art von Erwachen.

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