„Memento Mori“ trifft auf „Memento Amoris“: Wie nah diese Motive beieinanderliegen, verdeutlicht „A Dawning“ von Ólafur Arnalds und dem Sänger Talos auf eindrucksvolle Weise.
„Bedenke, dass du sterben musst, bedenke aber auch die Liebe“. Diese Botschaft transportierten Alex Garland und Danny Boyle jüngst in einer herzzerreißenden und lange nachhallenden Szene aus ihrer Zombie-Thriller-Fortsetzung „28 Years Later“. Ein Moment, der dem Blockbuster eine extreme Tiefe verleiht und zum Nachdenken anregt. Genauso wie „A Dawning“ – der posthume Nachruf des irischen Sängers Eoin French, auch bekannt als Talos, der im letzten Sommer im Alter von nur 36 Jahren einer schweren Erkrankung erlag. Was bleibt, sind drei Studioalben („Wild Alee“ (2017), „Far Out Dust“ (2019) und „Dear Chaos“ (2022)) sowie Trauer und Verlustgefühle bei Fans, Familie und Freunden. Zu letzteren zählt auch Ólafur Arnalds. 2023 hatte er begonnen, mit Talos an besagtem Album zu arbeiten. Fertigstellen konnten die beiden es jedoch nicht mehr rechtzeitig. Der nahende Tod von French raubte ihm schließlich sämtliche Kräfte, wenngleich er zuvor noch versucht hatte, so viel wie möglich beizutragen, um die LP zu finalisieren. So hatte er beispielsweise ein Artwork gestaltet und Arnalds auf die Zeit nach seinem Ableben vorbereitet. „Weißt du, ich werde immer noch da sein“, hatte er ihn getröstet. Tatsächlich fühlte sich Ólafur Arnalds nie allein. Die Präsenz seines Künstlerkollegen und Vertrauten war auch dann noch zu spüren, als er ohne diesen im Studio saß und den acht Titeln den letzten Schliff verlieh. „A Dawning“ (zu Deutsch: Die Dämmerung) ist im wahrsten Sinne des Wortes von den Ereignissen überschattet, die seine Entstehung begleiteten. Doch dieser Schatten hat keine dunkle, gefährliche oder belastende Gestalt. Er raubt der Platte nicht ihre Eigenständigkeit als Kunstwerk, sondern ist vielmehr ihr melodisches und lyrisches Thema, das sich durch alle Tracks zieht und ihnen Gewicht verleiht. Die anfangs erwähnte Erkenntnis, dass wir uns der Endlichkeit unserer Existenz genauso klar werden sollten wie der Tatsache, dass wir mit anderen Menschen verbunden sind. Dass wir sie nachhaltig beeinflussen somit auch ein Stück unsterblich werden. Denn was über unsere physische Hülle hinaus weiterbestehen wird, sind die Auswirkungen unserer Taten, die wiederum weitere Dinge nach sich ziehen, die dann wie Wellen die Zukunft anstoßen. Mit dem Wissen um die dahinterstehende Geschichte kann man gar nicht anders, als von „A Dawning“ gerührt zu sein. Schmerz und Taubheit sind ebenso spürbar wie der Versuch, Hoffnung in all der Unausweichlichkeit zu finden. Arnalds füllt die Passagen zwischen den fragilen Gesängen von Talos mit seinem charakteristischen Mix aus Neoklassik – vor allem durch Klavierkompositionen verkörpert –, Ambient und Artpop. Diese Mischung zeigt sich hier aber in ihrer bewegendsten Form. Das Album ist eine wunderschöne Hommage an den kreativen Austausch zweier Ausnahmemusiker und definitiv eines der emotionalsten Highlights des Musikjahres 2025.


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