Wie schön, dass es Platten wie „Utopia“ von Gwenno gibt, die einen für einen Moment alles vergessen lassen, was das Herz beschwert.
Nachdem Gwenno Saunders, die ehemalige Frontfrau von The Pipettes, drei Soloalben in ihren Muttersprachen Kornisch und Walisisch aufgenommen hat, entschied sie sich, ihr viertes Album „Utopia“ größtenteils in Englisch einzusingen. Obwohl sie ihre Texte somit für ein deutlich breiteres Publikum zugänglich macht, behält „Utopia” den leicht mystisch-rätselhaften Vibe der Vorgängeralben bei. Das liegt vor allem an den wunderbar ausdifferenzierten Instrumentierungen, die etwas Fiebrig-Psychedelisches an sich haben, sowie an Gwennos Gesang, der ein Spektrum von laszivem Hauchen bis zu sirenartigen Höhen bedient. Anders als bei früheren Songs, in denen sie sich textlich mit der Vergangenheit und verschiedensten Erinnerungen auseinandersetzte, ist „Utopia“ eine Reflexion über Gegenwart und Zukunft. Als Tochter eines Dichters und einer Aktivistin wird Gwenno so dem Erbe ihrer Eltern gerecht und hinterfragt mit mal ironischerem, mal ernsthafterem Zungenschlag die eigene Existenz sowie ihre Visionen davon, wer sie sein will und warum. Es ist ein Genuss, Gwenno dabei zuzuhören, wie sie sich mit Fragen ihrer Identität beschäftigt. Jeder einzelne Track auf „Utopia“ besticht durch seine Komplexität. Eine Komplexität, die keinesfalls erdrückend wirkt, sondern durch Indie- und Retropop-Melodien beflügelt wird und dadurch leichtfüßig erscheint. Die Multiinstrumentalistin nutzte beim Komponieren das Klavier als Ausgangspunkt, auf den alles Weitere aufbauen sollte. Die organische Qualität des Instruments verleiht „Utopia“ einen lebendigen, natürlichen Anstrich. Es fällt nicht schwer, als Hörer*in Zugang zu finden und sich mitreißen zu lassen. Im Gegenteil. Man muss sich schon fast zwingen, sich wieder loszureißen. Denn die mal beschwingten, mal getragenen Stücke laden dazu ein, den Bezug zur Banalität des realen Lebens gänzlich hinter sich lassen und sich stattdessen Stunde um Stunde, Tag für Tag, in Gwennos Vorstellungen, in ihrer Utopie, einrichten zu wollen. Das ist wahrlich beeindruckend und zeigt das Talent, mit dem die Britin gesegnet ist. Wenn dann im finalen „Hireth“ noch die Harfe erklingt, ist die transzendente Illusion perfekt! Herrlich!


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