REVIEW: Forth Wanderers „The Longer This Goes On“

Schneller wiedervereint als gedacht: Forth Wanderers konnten eine Zeit lang nicht mehr miteinander, aber auch definitiv nicht ohne einander. Für „The Longer This Goes On“ haben sie sich ihren Problemen gestellt und sind an ihnen gewachsen.

Neuanfänge bedürfen per Definition eines zuvor stattgefundenen Endes. Im Fall der Forth Wanderers kam es 2018, nur vier Jahre nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Tough Love“ (2014), zur Auflösung der Band – im Zuge des Tourens und der Promotion des selbstbetitelten Nachfolgers „Forth Wanderers“. Überfordert vom rasanten Erfolg, zwischenmenschlichen Konflikten und psychischen Erkrankungen als Begleiterscheinung beziehungsweise Resultat des ganzen Stresses, hatten sich vor allem Sängerin Ava Trilling und Gitarrist Ben Guterl dazu entschieden, fortan getrennte Wege gehen zu wollen. Wie so oft im Leben merkt man aber meist erst, was einem wichtig ist, wenn es weg ist. Als sich die beiden dann nämlich drei Jahre später in einem Coffeeshop in Brooklyn wiedertrafen, wurde ihnen eins schnell klar: Sie wollten wieder gemeinsam Musik machen und konnten auch ihre Kollegen überzeugen, es noch einmal miteinander zu probieren. Diesmal jedoch mit Regeln und mehr Verständnis für die Bedürfnisse eines jeden Einzelnen. Losgelöst von der Last der Vergangenheit machten sich die US-Amerikaner erneut ans Werk und erschufen aufbauend auf Songskizzen, die Guterl den anderen schickte, Stück für Stück das, was sich jetzt unter dem Namen „The Longer This Goes On“ entdecken lässt. Das dritte Album der Forth Wanderers vermittelt vom ersten Track an eine großzügige Freiheit und Lust am Kreativsein. Ohne sich allzu klare Ziele zu setzen – ob es nach der Platte mit den Forth Wanderers weitergehen wird, ist offen – hat sich das Quintett auf das eingelassen, was schon zu ihren Anfangszeiten Publikum und Presse gleichermaßen begeisterte. Nämlich ihrer Intuition zu folgen. Nur eben jetzt reflektierter und versöhnter mit den Spannungen früherer Unstimmigkeiten. Als Hörer*innen bekommen wir eine Platte präsentiert, die verschiedene emotionale Hebel in Gang zu setzen vermag. Mal kommt die LP mit dramatisch-theatralisch inszenierten Erkenntnissen um die Ecke, mal zeigt sie sich verspielt naiv. Indierock verschmilzt mit Blues, Folk, Garage, Emo, Psychedelic, Retropop und Surf-Rock. Zwar mag der Zugang zu Tracks wie „Bluff” oder „Come You Back” leicht erscheinen, doch wenn man die Tiefe der Stücke und ihrer Lyrics verstehen will, ist es sinnvoll, sich ausgiebiger damit zu beschäftigen. Schon spürt man, dass es hier und da auch ganz bewusst knirschen und kratzen darf. Genauso wie das Leben sind auch Songwriting und Musik machen keine einfachen, immer leichtfüßigen Prozesse. Es braucht Mut, sich den eigenen Schwächen und Schwierigkeiten zu stellen. Forth Wanderers tun das nicht nur klanglich, sondern haben auch auf privater Ebene bewiesen, dass sich der damit verbundene Kraftaufwand lohnt, wenn man irgendwann zufrieden auf das eigene Leben und das, was man geschaffen hat, zurückschauen will.


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