REVIEW: Nation of Language „Dance Called Memory“

Selbst die gediegenen Altmeister des New Wave und Post-Punk dürften dabei sprachlos werden: Auf „Dance Called Memory“ setzen Nation of Language ihre konsequente Aneignung jener Stilistiken fort und streben in Richtung eines unendlichen Vermächtnisses fort.

Während die Aufklärung als Epoche und geistige Haltung Vernunft, Ordnung und Wissenschaft betonte, stellte die Romantik eine Art Gegenstück dazu dar: Sie versuchte, Gefühle, Fantasie, Natur und das Geheimnisvolle zu ehren. Heute leben wir in einer Zeit, in der wir – wenn man Fake News und Verschwörungserzählungen außer Acht lässt – dank modernster Techniken zu immer mehr Erkenntnissen über Zusammenhänge gelangen. Selbst Phänomene wie Liebe und Zuneigung, die lange als magisch galten, können wir mittlerweile biochemisch siziieren. Kein Wunder, dass einen die ganze Ratio schon mal ins Schlingern bringt und einem das nimmt, wofür es sich allzu oft lohnt, morgens aufzustehen, nämlich das Rätselhafte und Schemenhafte aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu betrachten, ohne zu wissen, wohin das führt. Einfach den Moment dieses Prozesses zu genießen und ihn als Geschenk wahrzunehmen. Seit Beginn der Pandemie haben Nation of Language sage und schreibe drei Alben veröffentlicht und legen nun mit „Dance Called Memory“ auch schon das vierte nach. Man könnte meinen, dass das kreative Fließband der Briten kaum zur Ruhe kommt. Solange aber Produkte höchster Güte entstehen, gibt es keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Und das ist bei „Dance Called Memory“ einmal mehr der Fall. Die Platte verkörpert genau das, wovon der Beginn dieses Artikels spricht. Sie lässt Raum zum Träumen. Zwischen den wunderschön ausstaffierten New-Wave-/Post-Punk-/Synthpop-Tracks von Mastermind Ian Richard Devaney und seinen Bandkolleg*innen Aidan Noell und Alex MacKay kann man herumtanzen und die Gedanken schweifen lassen. Die LP spielt mit zwei grundlegend verschiedenen Ansätzen in Bezug auf die Verwendung elektronischer Musik. Einerseits die Entfremdungsidee von Kraftwerk, bei der der Mensch zunehmend in den Hintergrund von artifiziellen Beats treten sollte, und andererseits Brian Enos Auffassung, bei der es vielmehr darum geht, mithilfe künstlicher Programmierungen etwas zu erschaffen, dass Menschlichkeit in sich trägt. Es ist quasi eine ähnliche Debatte wie die zwischen Aufklärung und Romantik, wobei Nation of Language Enos Prämisse auf Albumlänge dann doch mehr Wirkkraft zugestehen. Letztendlich sind sie Romantiker, die mit etwas Übernatürlichem, wie ihrer Musik, verschmelzen wollen. „Dance Called Memory“ ist ein ergreifendes Album, eine Liebeserklärung an die Vorstellung, dass Musiker*innen mit dem richtigen Equipment einen Teil ihrer Seele enthüllen und anderen zugänglich machen können. Dabei hat sich das Trio zu einer der glanzvollsten Gegenwartserscheinungen seines Genres herausgemausert. Komplett authentisch hauchen Nation of Language dem Geist von Joy Division, Echo & the Bunnymen oder den Talking Heads neues Leben ein und finden doch ihre eigene melodische Sprache. Diese kommt auf „Dance Called Memory“ besonders schwelgerisch und malerisch daher – sowohl in Bezug auf die Instrumentierung als auch auf die Lyrics. Ein echtes Juwel!


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