Eine ungeschönte, radikale Auseinandersetzung mit der Perinatalzeit: Auf „Heavenly Body: If I’m the Bottle You’re the Message“ reflektiert Eartheater die Komplexität des Elternwerdens.
Schwangerschaft und Geburt gehören zu den archaischsten Prozessen, die das Leben für einen Teil von uns bereithält. Kaum etwas ist derart umfassend, schön und brutal zugleich. Und wer Kunst macht, der fühlt sich nicht selten davon inspiriert. So auch Alexandra Drewchin, alias Eartheater, die vor gut einem Jahr ihre Tochter Nova zur Welt brachte und in dieser eindrücklichen Zeit sowie den Wochen danach die Tracks ihres neuen Albums „Heavenly Body: If I’m the Bottle You’re the Message“ schrieb, komponierte und produzierte. Dabei arbeitete sie fast ausschließlich mit dem Produzenten Dave Sitek zusammen, der bereits mit Musiker*innen wie den Yeah Yeah Yeahs, Beck, Kelis, Santigold, Beyoncé oder Bat for Lashes – um nur einige zu nennen – kollaboriert hatte. Gemeinsam erdachten und realisierten die beiden kreativen Köpfe ein Album, das textlich wie auch durch seine Melodien, Stimmungen und Dynamiken die Vielschichtigkeit dessen zum Ausdruck bringt, was es für Drewchin bedeutete, circa zehn Monate lang einen anderen Menschen in sich heranzuwachsen zu spüren. Dabei beobachtete sie die Veränderungen ihres Körpers und ihrer Psyche mit herausragender Genauigkeit und verwandelte sie in wahre Poesie – mal metaphorischer, mal direkter. Eartheater möchte mit diesem sehr intimen und persönlichen Blick auf ihre Schwangerschaft erreichen, dass ein*e jede*r seine eigenen Erfahrungen und Gedanken damit verbindet, sich bestätigt, aber auch irritiert fühlt oder vielleicht Neugier entwickelt, sich näher damit auseinanderzusetzen. Der Titel „Heavenly Body: If I’m the Bottle, You’re the Message“ ist dabei nicht nur eine Liebeserklärung an Drewchins Tochter, sondern spielt auch mit einer gewissen Mehrdeutigkeit. Denn das Wort „heavenly“ geht hier nicht auf „himmlisch“, sondern auf den englischen Begriff „to heave“ (hieven, also schweres Heben) zurück. Es spielt darauf an, wie anstrengend die Versorgung des Embryos für die Mutter beziehungsweise deren Körper ist und wie die Entbindung eine echte Zäsur in ihrem Schmerzempfinden darstellt – die dann aber dank hormoneller Prozesse oft schnell in der Erinnerung abgemildert wird. „Heavenly Body: If I’m the Bottle, You’re the Message“ ist – anders als viele der früheren Platten von Eartheater – stilistisch weniger aufbegehrend und fordernd, sondern ruhiger und sphärischer. Die aus Pennsylvania stammende Drewich, die sowohl britische als auch russische Wurzeln hat, schenkt uns elf elektrifizierte, atmosphärische Wiegenlieder von einer Intensität, die einem den Atem stocken lässt. Die LP ist ebenso avantgardistisch wie sie sich gleichzeitig auf das akustische Erbe ganzer Jahrzehnte beruft. Von Neoklassik und Dreampop über Trance und Trip-Hop bis hin zu Artrock – von den Achtzigern bis in die Postmoderne. Ein durchdringender Einblick in das emotionale Erleben einer werdenden und jungen Mutter. Beziehungsweise von zwei Müttern, denn im Track „Fast Aslepp“ tritt die Französin Oklou als Feature-Gästin in Erscheinung. Sie hatte einen Tag vor Eartheater ihr Kind geboren und sinniert nun mit ihr darüber, was die Kleinen wohl träumen, wenn sie die Augen geschlossen haben. Zum Tagträumen – wenngleich die Themen eine gewisse Wucht mit sich bringen – lädt „Heavenly Body: If I’m the Bottle, You’re the Message“ definitiv ein. Ein ambitioniertes Album, das seinen Ambitionen auf ganzer Linie gerecht wird.


Kommentar verfassen