Ein Reigen der Euphorie, der alle Schatten verdrängt: Lido Pimientas „Caribenya“ ist in erster Linie eine Feier ihres kulturellen Erbes trotz aller Widrigkeiten.
Letztes Jahr erschien mit „La Belleza“ ein Album von Lido Pimienta, auf dem sie Themen wie die Nachwirkungen des Kolonialismus, Unterdrückung und Machtmissbrauch, aber auch Identität verhandelte und in einen orchestralen, groß angelegten Sound einbettete. Gleichzeitig kündigte sie während der Promotion zur Platte an, dass es noch eine weitere LP gebe, die bereits so gut wie fertiggestellt sei. „Caribenya“ ist deren Name. Stilistisch schlägt diese jedoch andere Töne als ihr Vorgänger an. Wenn „La Belleza“ und „Caribenya“ Geschwister wären, dann wären deren Charaktere grundverschieden: „La Belleza“ kommt eher klassisch, traditionsbewusst, etwas verkopft und distinguiert daher, indes „Caribenya“ im besten Sinne ein kleiner Wildfang ist. Nicht minder smart, aber unbedarfter, verspielter und moderner. Ähnlich wie bei Pinientas internationalem Durchbruch „Miss Colombia“ (2020) handelt es sich bei „Caribenya“ um ein dem Pop zugeneigtes Album, das gleichzeitig – wie bei allen Werken der gebürtigen Kolumbianerin – Einflüsse aus Cumbia, Bullerengue, afro-indigenen Rhythmen und karibischem Esprit integriert. Die acht Tracks haben eine enorme Strahlkraft, nicht zuletzt, weil Lido Pimienta in die Texte neben besagten kritischen Überlegungen auch das Motiv der Freude als eine Art des inneren Widerstands gegen Ungerechtigkeit und Brutalität einfließen lässt. Denn Glücksgefühle zu bewahren, ist ein wahrer Schatz. Mit „Caribenya“ wird dieser Schatz um einen bunten Strauß neuer Endorfinbringer angereichert. Es ist kaum vorzustellen, dass es Menschen geben könnte, denen diese Platte kein Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Spätestens wenn in einem Track wie „Así Nací“ naive Kinderstimmen – ob echt oder gepitcht, bleibt unklar – den Chorus mitsingen, erhält das Herz ein paar vitalisierende Extraschläge. Hinzu kommen elektrifizierte Synthesizer-Spuren, eingängige Melodien und Beats, die allesamt derart mitreißend sind, dass sie einen dazu animieren, die Hüften kreisen zu lassen und die Gedanken auf eine mentale Reise in eine optimistische Zukunft zu schicken. Wenn dann auch noch Pimientas gute Freundin Nelly Furtado, mit der sie zuletzt für ihr Album „7“ (2024) zusammengearbeitet hat, Lyrics für den Titel „Hoy Por Tí“ beisteuert, ist das kanadisch-lateinamerikanische Wohlfühlpaket komplett. Die beiden Frauen teilen dabei nicht nur einen vielschichtigen kulturellen Background als Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch die Liebe, die eigenen Wurzeln in ihrer Musik und Kunst sichtbar zu machen, sie zu feiern und zu veredeln. Spannend ist darüber hinaus noch eine weitere Inspiration, die „Caribenya“ maßgeblich beeinflusste. Denn wie der Name des Albums andeutet, ist dem Fusionswort „Caribenya“ zu entnehmen, dass es neben tropischen Impulsen auch deutlich kühlere Anleihen gibt. Die aus dem oft verregnet-nebelverhangenen Irland stammende New-Age-Pionierin Enya war schon seit Kindertagen eines von Lido Pimientas großen Vorbildern. Ihre typischen keltischen Ambient-Sounds halten als Quelle für die verträumteren und synthetischeren Momente auf „Caribenya“ her und sorgen neben allem Rausch und aller Ekstase für spannende stilistische Brüche. Lido Pimienta ist nicht nur ein vielschichtiges und wunderschön lebensbejahendes Album gelungen, das zu dem besten zählt, was sie bisher veröffentlicht hat, es verleiht zudem der Erfolgswelle, auf der so unterschiedliche Künstler*innen wie Rosalía, Bad Bunny, Feid oder Arca surfen, auch neuen Anschub.


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