REVIEW: The Strokes „Reality Awaits“

Mit einem Zwinkern, aber auch einem Tränchen im Auge, versuchen The Strokes auf „Reality Awaits“ der eigenen Endlichkeit zu begegnen.

Ein paar Dinge im Leben sind gewiss, zum Beispiel, dass wir mit jedem Jahr, jedem Monat, jedem Tag und jeder Minute älter werden. So sehr wir es auch wollen und versuchen mögen – vor allem diejenigen, die dem Longevity-Trend verfallen sind – die Uhr des Lebens lässt sich weder anhalten noch zurückdrehen. Irgendwann holt uns die Realität ein. Darum und um andere verwandte Themen geht es auf „Reality Awaits“, dem siebten Studioalbum von The Strokes. Seit 2022 haben die New Yorker unstetig an den Songs für die Platte gearbeitet. Gemeinsam mit dem preisgekrönten Produzenten Rick Rubin, der bereits für Werke von Madonna, den Beastie Boys, Johnny Cash, Gossip, Adele, James Blake und der letzten LP von The Strokes, „The New Abnormal“ (2020), verantwortlich war, haben sie die Platte aufgenommen. Statt zu hetzen, beschloss man dabei aber die Tracks reifen zu lassen. Wie einen guten Wein. Es bestand kein Grund zur Eile – immerhin blicken The Strokes auf eine echte Erfolgskarriere zurück, die seit circa einem Vierteljahrhundert fest im Bereich des Indierocks verwurzelt ist und so schnell kein Ende finden dürfte. Frontmann Julian Casablancas und seine Jungs füllen nach wie vor große Arenen, wenn sie live auftreten, haben mehrere Hits in ihrem gut gefüllten Backkatalog und sind aufgrund ihres sehr charakteristischen Stils und Casablancas‘ charismatischem Gesang bei Fans und Kritikern beliebt wie eh und je. Da ist Hektik also keinesfalls notwendig. Stattdessen nahmen sich The Strokes die Zeit, ihren Werdegang zu reflektieren und sich zu fragen, welche Relevanz sie eigentlich noch in einer Konsumgesellschaft, deren Aufmerksamkeit von digitalen Phänomenen wie sozialen Medien und künstlicher Intelligenz in Schach gehalten wird, haben. Und irgendwie sind sie dabei zu dem Schluss gekommen, dass ihre Geschichte noch nicht zu Ende ist. Und irgendwie sind sie zu dem Schluss gekommen, dass ihre Geschichte nicht auserzählt ist. „Reality Awaits“ ist eines der elektronischsten und gleichzeitig atmosphärischsten Alben von The Strokes. Zwar gibt es auch die für die Band typischen Rock-Momente, die durch den Einsatz von E-Gitarren und Schlagzeug entstehen, doch insgesamt dominiert eine Experimentierfreude, die vor allem auf Casablancas zurückgeht. Er bewies bereits mit seinem Projekt The Voidz eine Vorliebe für New Wave, Electronica und Artrock. Was manch Zuhörerde*n im Zuge dessen verschrecken könnte, ist der starke Einsatz von Autotune, mit dem Casablancas seine Stimme immer wieder verzerrt. Das hätte man von einem Revoluzzer, der Gegenwartsphänomenen oft eher nichts abgewinnen kann, vielleicht nicht erwartet. Aber irgendwie dann doch. Denn der 47-Jährige führt dieses Stilmittel bewusst ad absurdum und nutzt dessen Ästhetik, um auf den Widerspruch von Natürlichkeit und Artifizialität hinzuweisen, der unsere moderne Welt beherrscht. Wenn man sich nach anfänglichem Widerstand auf diese prägnante Entscheidung der Band einlässt, ergibt sie Sinn und passt hervorragend zur gesamten Stimmung von „Reality Awaits“, die zu jeder Zeit zwischen tiefster Melancholie und verspielter Euphorie hin- und herpendelt. Zusammen mit den klugen Lyrics und eingängigen Melodien präsentiert sich ein spannender Mix, der einiges zu entdecken bietet. „Reality Awaits“ gehört definitiv zu den gewagteren Werken in der Diskografie von The Strokes. Ein Album, das jedwedes Potenzial zum Grower mitbringt!


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