REVIEW: Arca „XXXXX“

Wie ein Komet schlägt Arcas „XXXXX“ aus dem Nichts in die Musikbranche ein und hinterlässt einen avantgardistischen Krater, in dem es viel zu entdecken gibt.

Die venezolanische Musikerin, Produzentin und Visual Artist Arca steht in ihrer Kunst auf allen Ebenen für Wandel und Neuerfindung. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Transidentität und der damit einhergehenden Reflexionsprozesse, die zu Bewusstwerdung ihrer Andersartigkeit, zu ihrem Coming-out und zu Angleichungsschritten hin zu ihrer gefühlten Weiblichkeit führten, versteht Arca, dass es kein Schwarz und Weiß gibt. Dass Binärität der Vielfalt des Menschseins und dessen, was der Mensch zu erschaffen in der Lage ist, schlichtweg nicht gerecht wird. Ihr neues Studioalbum „XXXXX“ greift das Spiel mit den Geschlechtern auf und geht noch einen Schritt weiter, indem es sich mit der Verschmelzung von Mensch und Maschine beschäftigt. Im Fokus steht dabei eine xenomorphe Diva – ein an die Alien-Filme angelehntes außerirdisches Hybrid-Wesen, das das Cover von „XXXXX“ ziert. Neben der Figur sind zwei Eulen zu sehen, die Weisheit symbolisieren. Für die Lyrics, die auf „XXXXX“ rar gesät sind und vor allem in Form von Sprechgesang dargeboten werden, hat sich Arca umfassend in die Welt der Psychoanalyse und Theorien wie Jungs Archetypen-Lehre oder Freuds Ödipus-Komplex eingearbeitet. So geht es beispielsweise im Song „Fxck“ darum, metaphorisch den eigenen Vater zu töten, wie es einst Ödipus in der entsprechenden Sage tat. Doch nicht, um die eigene Mutter ehelichen zu können wie im Original, sondern um sich gegenüber dem vom Vater verkörperten Patriarchat befreien zu können. Denn dieses unterdrückt nicht nur Frauen, intergeschlechtliche oder nichtbinäre Personen, sondern zwängt auch Männer in eine Rolle, die in Gefangenheit und totaler Selbstzerstörung zu enden droht. Wieder einmal ist das, was Arca ihren Zuhörer*innen präsentiert, ein rundum substanzielles Werk mit Tiefgang geworden. Es ist keine leichte Kost, weder thematisch noch akustisch. Wobei man auch genau das von Alejandra Ghersi Rodríguez, wie Arca mit bürgerlichem Namen heißt, erwartet. Von Beyoncé über Björk bis hin zu Madonna auf ihrem Album „Confessions II“ schätzen etliche Kolleg*innen die Zusammenarbeit mit Arca, da sie eine Radikalität und Intelligenz mitbringt, die jegliche bisher bekannten Stilistiken sprengt und im wahrsten Sinne des Wortes futuristisch, also in die Zukunft weisend, wirkt. Auch „XXXXX“ tut dies. Ursprünglich war die Platte, ähnlich wie „&&&&&“ (2013) und „@@@@@“ (2020), als Mixtape gedacht. Ohne Unterbrechungen, voll mit aneinander gereihten auditiven Experimenten. Im Grundaufbau funktionieren die 16 Tracks noch immer so. Sie gehen nahtlos ineinander über, scheuen es nicht, mit Rhythmen und Melodien zu brechen, sind aber im Vergleich zu den besagten Mixtapes etwas zugänglicher. Neben Glitch-Sequenzen und dekonstruierten Techno-Passagen gibt es da viel Verträumtes und Schwelgerisches. Das schafft Verbindung und sorgt zusammen mit den vielen exzentrischen Momenten für ein rundes Gesamtbild. Wem Arca bis dato eher unbekannt war, für den ist „XXXXX” vielleicht nicht unbedingt ein geeigneter Einstieg, um sich mit ihr vertraut zu machen. Hier sei eher auf die fünfteilige Kick-Reihe, vor allem „KiCk i“ (2020) und „KICK ii“ (2021), hingewiesen, die durch Gastbeiträge von Rosalía, Sia, Björk oder Shygirl etwas bekömmlicher und weniger irritierend wirkt. Für diejenigen aber, die Arcas Diskografie schätzen oder generell offen für brachiale Sounds sind, ist „XXXXX” ein wunderbarer Full-Circle-Moment, der viele Stärken dieser Ausnahmekünstlerin in sich vereint.


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