Bewährtes trifft auf Mut zur Erneuerung: Mit „Pure Devotion“ liefern Overmono ein elegantes Zeugnis dafür ab, wie man nach überschwänglichem Lob selbstbewusst die eigene Karriere vorantreibt, statt in Stillstand und Angst vor Popularitätsverlust zu verharren.
Die zwei anmutigen Dobermänner sind zurück! Wie bitte? Ist unser Onlinemagazin EINEN HAB ICH NOCH inhaltlich vom Musikjournalismus zur Zoologie gewechselt? Nein! Keinesfalls! Seit jeher spielt das walisische Brüder-Duo Overmono in den Visuals zu ihrer Musik mit der Ästhetik jener Hunde. Sei es in den passenden Videos oder auf den Covern ihrer EPs und Alben – also sollen ihre vierbeinigen Begleiter natürlich nicht unerwähnt bleiben. Nach dem Debüt „Good Lies“ kommt auch das ihr Zweitwerk „Pure Devotion“ optisch nicht ohne jene Pinscher-Unterrasse aus. Damit wäre bereits die erste Parallele zwischen Album Nummer eins und dem Nachfolger beschrieben. Es gibt jedoch weitere Gemeinsamkeiten, die vor allem stilistischer Natur sind. Allen voran wären da die für Overmono typischen rollenden Breakbeats in Kombination mit gepitchten Vocals und melancholischen Harmonien. Tom und Ed Russell gedenken damit der Rave- und Technoszene der Neunziger, ergänzen deren fast artifiziell-maschinelle Ästhetik auf „Pure Devotion“ aber durch eine klangliche Wärme, die eher dem Dreampop oder Ambient zuzuordnen ist. Oder sogar einer spacigen Form von Liedermacherkunst. Die Geschwister ließen auch bewusst Fehler und Zufälle in der Produktion zu, damit die Platte Lebendigkeit ausstrahlt und nicht zu statisch wirkt, was gut gelingt. Auch die Gastauftritte von John Joseph Holt, Kindora und Ruthven tragen zu jener Wirkung bei, indes mit für die 70er und 80er typischen Synthesizern an die Postpunk- und New-Wave-Ära erinnert wird, in der Emotionalität hoch im Kurs stand und kein Titel ohne tiefere Botschaft auskam. Overmono haben sich für „Pure Devotion“ ordentlich in ihrem Studio ausgetobt und ihre Experimentierfreude zu neuen Höchstleistungen getrieben. Zwar musste dafür ein Stück des Understatements und der Kantigkeit, die „Good Lies“ (2023) noch auszeichneten, zugunsten eines insgesamt eher mainstreamtauglicheren Gesamteindrucks weichen, doch ist es erfrischend mitzuerleben, dass ein gehypter Act wie Overmono nach einem gefeierten Durchbruch nicht versucht, einen weiteren Aufguss des gleichen Erfolgsrezepts abzuliefern, das sie zu Fan- und Kritikerlieblingen hat werden lassen. Vielmehr zeigen die elf Tracks, dass sich die Russells in einem gewissen Spektrum, in dem sie sich zuhause zu fühlen scheinen, trotzdem weiterzuentwickeln und in verschiedene Richtungen auszuströmen wissen. Besondere Highlights sind derweil Tracks wie „Mialon“ und „Adre“, die statt die Regler aufzudrehen und die Beats pro Minute zu erhöhen, auf Entschleunigung und eine atmosphärische Wirkung setzen. So eignen sich einige Teile der LP für die Main-Hour auf der Tanzfläche, andere eher für die Zeit nach dem Clubbesuch, wenn man den Blick in Richtung aufgehender Sonne schweifen lässt und der Puls langsam wieder zur Ruhe kommt. Ein dynamisches, eklektisches und tatsächlich hingebungsvolles Album!


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