REVIEW: Phoebe Bridgers „Lost Weekend“

Ein rundum nahbares Album mit schönen, wenngleich wehmütigen Klängen: „Lost Weekend“ von Phoebe Bridgers.

Phoebe Bridgers ist nicht nur ein Drittel von Boygenius (an der Seite von Lucy Dacus und Julien Baker) oder die eine Hälfte des Duos Better Oblivion Community Center (zusammen mit Conor Oberst), sondern vor allem auch eine erfolgreiche, Grammy prämierte Solomusikerin. Als selbige veröffentlichte die Kalifornierin bereits zwei Alben, die beide über das renommierte Independent-Label Dead Oceans erschienen: „Stranger In The Alps“ (2017) und „Punisher“ (2020). Mit „Lost Weekend“ kommt nun ein drittes hinzu, das anders als seine Vorgänger oder die Werke, die sie mit den erwähnten Bandprojekten realisiert hat, deutlich introspektiver und etwas melancholischer wirkt. In den 16 Songs verarbeitet Bridgers unter anderem den Tod ihres Vaters und eine geplatzte Eheschließung – sprich Motive des Verlusts, die sie dazu zwangen, sich tiefergehend mit sich selbst, den eigenen Bedürfnissen, Verletzungen und entstandenen Wunden auseinanderzusetzen. Sie fragte sich, was helfen könnte, den Schmerz zu akzeptieren oder zu überwinden, der sich plötzlich in ihre Biografie gefressen hatte. Anstatt Antworten in Altbekanntem zu suchen, erweiterte Phoebe Bridgers im Zuge dieses Prozesses auch ihren Horizont – und zwar in Richtung der Sterne und der Unendlichkeit des Komsos. „Lost Weekend“ ist von einer atmosphärischen Stimmung durchzogen, die durch diverse elektronische Elemente – Synthesizer, programmierte Drums, E-Gitarre und Vocoder-Nutzung – erzeugt wird und sich auch in der Komposition in Form von breit angelegten Instrumentierungen manifestiert. Passend dazu wurde die LP vielerorts in Planetarien vorab vorgestellt, während Galaxien an die Decke projiziert wurden. Die Besucher*innen hatten dadurch die Möglichkeit, sich vorzustellen, wie sie an einem wärmenden Lagerfeuer in einer kühlen, dunklen Nacht sitzen, während über ihnen die Milchstraße leuchtet und Phoebe Bridgers ihre Songs spielt. Gemeinsam mit dem Produzenten Jack Michael Antonoff, der für seine Zusammenarbeit mit Pop-Diven wie Taylor Swift, Lana Del Rey oder Lorde bekannt ist, referenziert Bridgers einen Sound, der an die Hochphase des Indie-Folks von circa 2005 bis 2015 erinnert. Klänge, die eine Dekade lang den Mainstream maßgeblich prägten und zudem von einer ganzen Riege an weiblichen Songwriterinnen begleitet wurden, die, ähnlich wie in den Neunzigern, als Sarah McLachlan mit ihren Lilith-Fair-Touren präsent war, jene Bühnen eroberten, die sonst überwiegend von männlichen Kollegen dominiert wurden. Schon lange steht Phoebe Bridgers – nicht zuletzt durch ihre öffentliche Positionierung als bisexuelle Frau – für Female Empowerment und Selbstbestimmung. Anstatt wie in der Vergangenheit häufiger Ironie als Stilmittel zu nutzen, um auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen, darf der Kampf gegen das Patriarchat einen Moment lang ruhen und Raum für Verletzlichkeit lassen. Denn diese gehört zum fühlenden Menschen, unabhängig vom Geschlecht, und sorgt dafür, dass sich Hörer*innen jedweder Identität emotional mit „Lost Weekend“ verbinden und ihr Herz an die Platte und ihre Macherin verlieren können.


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