REVIEW: Julia Holter „Materia“

Wenn Songs Wurzeln schlagen: Julia Holters „Materia” erwächst aus der Saat früherer Tracks und bietet dennoch auch Raum für Neues.

Warum sollte man ein Stück weglegen, sobald es veröffentlicht wurde? Genauso wie Maler*innen an Bildideen über hunderte Werke hinweg arbeiten – von Skizzen und Farbstudien bis hin zu fertigen Gemälden in verschiedensten Variationen – mögen es manche Musiker*innen ebenfalls, ihre akustischen Einfälle weiterzuverfolgen und zu schauen, was aus einem Song noch alles entstehen kann, wenn man ihn nach der Produktion erneut zur Hand nimmt. In der Diskografie von Julia Holter gibt es mehrere solcher Beispiele. Das jüngste ist der Titel „Materia“, der sich in einer ersten Version bereits auf ihrem Album „Something in the Room She Moves“ aus dem Jahr 2024 finden lässt. Für die heute erscheinende, treffenderweise ebenfalls als „Materia“ betitelte LP hat die aus Los Angeles stammende Sängerin, Komponistin, Produzentin und Musikerin den kreativen Prozess weitergesponnen und zwei zusätzliche Interpretationen des Songs „Materia“ aufgenommen. Dafür hat sie die Grundmelodie beibehalten, jedoch die Tempi und die verwendeten Instrumente variiert. Dadurch wirken diese Alternativen sphärischer und ausladender als das „Original“, was gleichzeitig auch zum Grundton der Platte passt. Das Album „Materia“ ist nämlich insgesamt recht verträumt und mysteriös. Wie schon in der Vergangenheit spielt Holter neben den Rythmen udn Sounds auch mit ihren Texten und webt tiefergehende, teils auch mythologische Bedeutungen als Subbotschaften in die Lyrics, die Titel oder auch den Kompositionen ein. So ist vor allem das Motiv des Wandels allgegenwärtig. Nichts bleibt, wie es ist, sondern verändert sich mit der Zeit. Warum also nicht auch Musik? „Materia“ macht diese Metamorphose erlebbar. Neben den besagten „Materia“-Umgestaltungen finden sich auf der LP auch andere Stücke, die ihren Ursprung in der Vergangenheit haben. Sei es in Form einzelner Fragmente oder ganzer Songstrukturen. Aber auch Improvisationen wie der zehnminütige Track „My Twin“ gehören zu „Materia“. Julia Holter selbst beschreibt die Platte als eine Art Companion zu dem Vorgängeralbum „Something in the Room She Moves“. Ein Begleiter, der sich in seinem Wesen vom vermeintlichen Protagonisten unterscheidet und doch zwingend zur kompletten Geschichte dazugehört. Der die Hauptfigur mit seinen Taten zu beeinflussen vermag und eine andere, fruchtbare Sicht auf die Dinge mitbringt. Während „Something in the Room She Moves“ kohärent und geschlossen wirkt, lässt „Materia“ lose Enden zu. Nicht alles ist nahtlos miteinander verbunden, es gibt ganz bewusst stilistische Brüche und Irritationen, eingepackt in den für Holter typischen avantgardistischen Art-Pop. Das macht „Materia“ zu einem charakteristischen Werk, das allerdings mehr an ihre Anfänge als an die zuletzt doch etwas durchkonzipierten, von Jazz und Kammermusik beeinflussten LPs erinnert.


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